Wenn der Eurovision Song Contest nach Wien kommt, wird die Stadt zur Bühne. Zwischen Glitzerjacken, Fan-Zonen und Public Viewings erleben Gäste aber nicht nur Europas größten Musikbewerb, sondern auch die Wiener Seele in ihrer kompaktesten Form: ein bisschen grantig, sehr charmant und meistens kulinarisch.
Wer behaupten will, Wien wirklich gesehen zu haben, sollte sich deshalb nicht nur durch die ESC-Partys tanzen, sondern auch ein paar klassische Wien-Klischees abhaken.
Kaum etwas ist so typisch Wien wie der Würstelstand nach Mitternacht. Egal, ob Käsekrainer, Bosna oder Bratwurst – hier treffen Opernball-Gäste auf Nachtschwärmer und ESC-Fans auf Taxifahrer.
Die wichtigste Regel: Senf nicht auf die Wurst, sondern aufs Brot. Sonst erkennt man sofort den Touristen.
Die Sachertorte gehört zu Wien wie ABBA zum ESC. Fast noch wichtiger als das Essen selbst ist allerdings die Debatte darüber, wo sie besser schmeckt: im Hotel Sacher oder im Café Demel.
Wer mitdiskutiert, wirkt sofort wie ein halber Wiener.
Das "16er-Blech" ist keine Kunstinstallation, sondern eine Dose Ottakringer Bier. Ihren Namen verdankt sie dem 16. Bezirk Ottakring, wo die Brauerei steht.
Am Donaukanal, im Burggarten oder auf einer Parkbank vor dem nächsten ESC-Konzert gehört das Dosenbier fast schon zum Pflichtprogramm.
Natürlich geht das stilvoll im Fiaker. Oder realistischer mit der Straßenbahnlinie 1 oder 2. Beide Varianten bieten einen Wien-Schnellkurs zwischen Staatsoper, Parlament und Rathaus.
Und spätestens dort merkt man: Wien liebt große Kulissen – nicht nur beim Song Contest.
Ein echtes Wiener Kaffeehaus ist weniger Lokal als Lebensgefühl. Verlängerter, Melange und ein Glas Wasser gehören dazu, ebenso Zeitungen und Kellner mit legendärem Schmäh.
Wichtig: Niemand hetzt hier. Wer nach fünf Minuten die Rechnung verlangt, hat das Konzept nicht verstanden.
Sobald es warm wird, verlagert sich das Wiener Leben ans Wasser. Zwischen Graffiti, Bars und improvisierten DJ-Sets entsteht dort jene Mischung aus Großstadt und Gelassenheit, die viele Besucher überrascht.
Während des ESC wird der Donaukanal vermutlich endgültig zur internationalen Partyzone.
Wien gilt regelmäßig als lebenswerteste Stadt der Welt – und gleichzeitig als Hauptstadt des gepflegten Grantelns. Die Kunst besteht darin, Unfreundlichkeit mit Charme zu kombinieren.
Wer vom Kellner ein trockenes "Na eh" oder "Passt scho" kassiert, sollte das daher nicht persönlich nehmen. Es ist fast schon ein kulturelles Gütesiegel.
Der wahre ESC-Moment passiert oft nicht in der Halle, sondern später in der U-Bahn. Wenn Menschen aus zwanzig Ländern plötzlich gemeinsam "Waterloo" oder "Rise Like A Phoenix" singen, wird Wien endgültig zur Eurovision-Stadt.
Spätestens dann versteht man auch, warum diese Stadt für Großereignisse wie gemacht ist.
Natürlich sind all diese Klischees überzeichnet. Aber genau darin liegt ihr Reiz. Wien nimmt Tradition ernst, sich selbst aber meistens nicht zu sehr.
Und vielleicht ist das die eigentliche ESC-Lektion dieser Stadt: große Gefühle, große Bühne – und danach eine Käsekrainer mit scharfem Senf.