Mehr als 10.000 Ebola-Infektionen, Tausende Tote und eine Epidemie, die sich immer weiter ausbreitet: Die Lage in der Demokratischen Republik Kongo ist dramatisch. Doch für viele Menschen im Krisengebiet ist das tödliche Virus nur eine von mehreren existenziellen Bedrohungen.
Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen, der selbst bereits Ebola-Einsätze geleitet hat, zeichnet im Ö1-Morgenjournal ein bedrückendes Bild.
Im Osten des Kongo müssen Familien gleichzeitig mit bewaffneten Konflikten, Vertreibung, Hunger und einem teilweise zusammengebrochenen Gesundheitssystem zurechtkommen. "Die Bundibugyo-Krankheit ist nun eine Krise zu viel", sagt Bachmann.
Aus seinen früheren Einsätzen im Ostkongo kennt Bachmann die Lebensbedingungen der Menschen. Wer vor Gewalt flieht, nicht weiß, woher die nächste Mahlzeit kommt, oder um sauberes Trinkwasser kämpfen muss, kann eine Epidemie oft nicht zur wichtigsten Sorge machen.
Bachmann erinnert sich an Aussagen der Betroffenen: "Das Überleben im Konflikt, das Überleben auf der Flucht, das Überleben, ohne zu verhungern oder zu verdursten, ist unsere Priorität."
Genau diese Situation erschwert den Kampf gegen das Virus erheblich. Denn um Ebola einzudämmen, müssen Erkrankte möglichst rasch erkannt, isoliert und ihre Kontaktpersonen ausfindig gemacht werden.
Doch die sogenannte Kontaktverfolgung funktioniert nach Einschätzung des Experten nur unzureichend. "Sieben von zehn PatientInnen können nicht einer Infektionskette zugewiesen werden", erklärt Bachmann. Dahinter stecke nicht nur ein organisatorisches Problem. Viele Menschen würden davor zurückschrecken, ihre Kontakte anzugeben, weil sie dadurch wirtschaftliche Nachteile befürchten.
Wer als Kontaktperson eines Erkrankten gilt, muss möglicherweise vorübergehend auf seine tägliche Arbeit und damit auf lebensnotwendiges Einkommen verzichten. Für Familien, die von der Hand in den Mund leben, kann das existenzbedrohend sein. Aus Angst davor bleiben mögliche Kontakte unerkannt – und damit auch weitere Infektionsketten.
Bachmann warnt außerdem vor den Folgen für Kinder. "Das Sterberisiko aufgrund der Bundibugyo-Krankheit ist für Kinder um mehr als die Hälfte höher als für Erwachsene", sagt der Mediziner. Als Gründe nennt er das kindliche Immunsystem und die Tatsache, dass viele Kinder erst spät medizinisch behandelt werden.
Gerade in abgelegenen oder von Kämpfen betroffenen Regionen ist der Zugang zu funktionierenden Gesundheitseinrichtungen schwierig. Je später eine Infektion erkannt wird, desto schwerer wird es, die Erkrankten rechtzeitig zu versorgen und weitere Übertragungen zu verhindern.
Besonders deutlich kritisiert Bachmann den Stand der Impfstoffforschung. Gegen das Bundibugyo-Ebolavirus gibt es bislang keinen speziell zugelassenen Impfstoff und keine spezifisch zugelassene Therapie. Der vorhandene Ebola-Impfstoff Ervebo ist für eine andere Virusart entwickelt worden. "Sehr bedauerlich ist, dass die Impfstoffforschung viel weiter sein könnte oder müsste", sagt der Experte.
Angesichts des bekannten Gefahrenpotenzials hätte man nach seiner Ansicht deutlich früher mit entsprechenden Entwicklungen beginnen müssen. Inzwischen laufen klinische Studien zu möglichen Impfstoffen und Behandlungsmöglichkeiten. Ärzte ohne Grenzen arbeitet laut Bachmann bei sechs von acht Studien mit.
Trotz seiner Kritik gibt sich der Experte zuversichtlich, dass wirksame Impfstoffe entwickelt werden können. "Allerdings haben wir viele Monate verloren."
Die aktuellen Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Krise. Nach den bis zum 25. Oktober gemeldeten Daten wurden in der Demokratischen Republik Kongo 10.060 Infektionen und 4.887 Todesfälle bestätigt.
Besonders stark betroffen ist die östliche Provinz Ituri. Insgesamt wurde das Virus bereits in acht Provinzen festgestellt. Auch außerhalb des Kongo traten Infektionen auf, darunter in Kenia und Nigeria. Die Ausbreitung ist schwer einzudämmen, weil Infektionsketten vielfach unerkannt bleiben und zahlreiche Menschen erst spät behandelt werden.
Solange wirksame spezielle Impfstoffe nicht verfügbar sind, kommt der Aufklärung, der frühzeitigen Erkennung von Erkrankungen und der Nachverfolgung von Kontaktpersonen entscheidende Bedeutung zu.
Trotz der dramatischen Entwicklung in Afrika gibt Bachmann für Europa eine vorsichtige Entwarnung. "Sowohl WHO als auch ECDC schätzen das Risiko als sehr gering an. Dem schließen wir uns als Ärzte ohne Grenzen und ich mich auch persönlich vollinhaltlich an."
Auch die europäische Gesundheitsbehörde ECDC stuft das Infektionsrisiko für die Bevölkerung in Europa derzeit als sehr gering ein. Die Herausforderung liegt damit vor allem in den betroffenen afrikanischen Regionen.
Dort entscheidet nicht nur die medizinische Versorgung über den Erfolg der Seuchenbekämpfung. Ebenso wichtig ist, ob Menschen inmitten von Krieg, Vertreibung und Armut überhaupt die Möglichkeit haben, sich und ihre Familien vor einer Ansteckung zu schützen.