Kein Gespräch, nur Klingeln

Ehepaar nach 38 Jahren einfach gekündigt – per App

38 Jahre arbeiteten sie im selben Betrieb, dann kam die Kündigung per App. Ein Ehepaar versteht seitdem die Welt nicht mehr.
Digital  Heute
01.10.2026, 20:41
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Fast vier Jahrzehnte waren Simone (58) und Jovica Pokrajac (56) Teil desselben Unternehmens. Sie lernten sich dort kennen, verliebten sich und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. Doch nach 38 Jahren kam für das Ehepaar aus der Region Aachen das abrupte Ende: Beide verloren ihren Arbeitsplatz. Die Kündigung erfuhren sie über eine App, deckt der "Focus" in einem neuen Bericht auf.

Der Schock saß tief. Am 30. Juli 2026 hatte die Geschäftsführung bei einer Betriebsversammlung die Belegschaft über den geplanten Stellenabbau informiert. Von insgesamt 243 Beschäftigten sollten 100 das Unternehmen verlassen. Für viele Mitarbeiter war die Nachricht ein emotionaler Einschnitt. "Da liefen bei vielen schon die ersten Tränen", schilderte das Ehepaar dem Westdeutschen Rundfunk (WDR).

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Nur einen Tag später wurde das Ausmaß der wirtschaftlichen Krise noch deutlicher. Am 31. Juli meldete der Insolvenzverwalter beim Amtsgericht Aachen Masseunzulänglichkeit an. Das bedeutet, dass das vorhandene Vermögen voraussichtlich nicht einmal ausreicht, um die Kosten des Insolvenzverfahrens zu decken.

Die Beschäftigten sollten anschließend per App erfahren, wie es für sie weitergeht. Für Simone und Jovica Pokrajac bedeutete das die Kündigung. "Kein Handschlag, kein 'Tut uns leid'. Da war einfach der Brief in der App – und das war’s: Tschüss", erzählten sie dem WDR.

Ehepaar verliert gemeinsam den Arbeitsplatz

Dass beide gleichzeitig ihren Job verlieren würden, hatten die Pokrajacs nicht erwartet. Sie hatten über Jahrzehnte gemeinsam im Unternehmen gearbeitet. Die Kollegen waren für sie wie eine zweite Familie, die Arbeitsabläufe vertraut und der Betrieb ein fester Bestandteil ihres Lebens.

Zuletzt waren beide bei Ultinon Motion Germany beschäftigt. Das Unternehmen produziert LED-Lampen für Autoscheinwerfer und hat eine bewegte Firmengeschichte hinter sich. Die Sparte gehörte früher zum Philips-Konzern und war Teil der Lumileds-Gruppe. 2024 wurde der Bereich von der US-amerikanischen First Brands Group übernommen.

Noch vor wenigen Jahren beschäftigte das Unternehmen nach Angaben des WDR rund 2.000 Menschen. Im Zuge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten schrumpfte der Betrieb deutlich. Anfang 2026 meldete Ultinon Motion schließlich Insolvenz an. Zu Beginn des Verfahrens war von rund 500 Beschäftigten die Rede.

Für das Ehepaar ist die Situation besonders schwierig. Beide sind Mitte beziehungsweise Ende 50 und haben schulpflichtige Kinder. Nach fast vier Jahrzehnten im selben Betrieb müssen sie sich nun beruflich neu orientieren. Wie schnell sie wieder eine Beschäftigung finden, ist ungewiss.

Insolvenz und Stellenabbau treffen die Mitarbeiter

Die Krise bei Ultinon Motion ist Teil einer angespannten Lage in der Automobilbranche. Die schwache wirtschaftliche Entwicklung und die Schwierigkeiten des Mutterkonzerns First Brands wirkten sich auch auf das Unternehmen in Aachen aus.

Die First Brands Group hatte bereits im September 2025 Insolvenz angemeldet. Zusätzlich sorgten Vorwürfe gegen den früheren Konzernchef und Gründer Patrick James für Schlagzeilen. Ihm wird vorgeworfen, große Geldsummen aus dem Unternehmen abgezweigt und sich sowie seine Familie bereichert zu haben. James wies die Anschuldigungen zurück und plädierte im Februar 2026 auf nicht schuldig. Der Prozess wurde auf Februar 2027 verschoben.

Für die Beschäftigten in Aachen änderte das wenig an der unmittelbaren Situation. Der Insolvenzverwalter Wolfgang Piroth erklärte gegenüber dem WDR, dass die Kündigungen gemeinsam mit dem Betriebsrat sorgfältig anhand der geltenden Kriterien und arbeitsrechtlichen Vorgaben geprüft worden seien. Ziel sei es, die notwendigen Personalanpassungen so verantwortungsvoll wie möglich umzusetzen.

Kündigung per App wirft Fragen auf

Dass die Nachricht über eine App kam, sorgt für zusätzliche Aufmerksamkeit. Gerade nach einer so langen Betriebszugehörigkeit hätten sich die Pokrajacs offenbar einen persönlicheren Umgang gewünscht. Statt eines direkten Gesprächs erhielten sie die Kündigung digital.

In Deutschland gelten allerdings klare gesetzliche Vorgaben. Nach Paragraf 623 des Bürgerlichen Gesetzbuchs muss eine Kündigung des Arbeitsverhältnisses schriftlich erfolgen. Die elektronische Form ist ausdrücklich ausgeschlossen. Entscheidend ist daher, ob die App lediglich den Zugang zu einem formgültigen Kündigungsschreiben ermöglichte oder ob die Kündigung ausschließlich digital ausgesprochen wurde.

Wer in Deutschland eine Kündigung erhält und sich dagegen wehren möchte, muss zudem eine wichtige Frist beachten. Eine Kündigungsschutzklage muss grundsätzlich innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung beim Arbeitsgericht eingereicht werden.

Ob Simone und Jovica Pokrajac rechtliche Schritte setzen werden, ist noch offen. Auch eine mögliche Abfindung ist für sie mit Unsicherheit verbunden. Jovica Pokrajac befürchtet, dass eine solche Zahlung letztlich in der Insolvenzmasse landen könnte.

Für das Ehepaar beginnt damit nach fast vier Jahrzehnten ein völlig neuer Lebensabschnitt. Was einst mit einer Begegnung am Arbeitsplatz begann, endet nun mit einer gemeinsamen Kündigung. Und die beiden müssen sich gleichzeitig der Herausforderung stellen, beruflich noch einmal von vorne anzufangen.

red,01.10.2026, 20:41
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