Tanja (52) wollte eigentlich in der Schweiz zur Ruhe kommen. Sie lebt seit mehr als 20 Jahren dort, ist wegen der Arbeit gekommen. Im Oktober 2023 zieht sie nach Nidwalden (südlich von Luzern), freut sich auf ein altes Haus mit Garten und zwei Hunden.
Doch ihr Traum zerplatzte schnell. Wie "20 Minuten" berichtet, wurde sie von einem unbekannten Mann mehrfach angegriffen und beleidigt.
Tanja ging jeden Morgen um 6 Uhr am See joggen – immer mit einem ihrer Hunde. Bald merkte sie, dass sie von einem Haus aus immer wieder angeschrien wurde. "Ich habe nie verstanden, was genau, aber der Ton war nicht freundlich." Sie ließ sich nichts anmerken, lief einfach weiter.
Doch eines Tages eskalierte die Lage. Beim Spaziergang schnüffelte ihr Hund kurz im Gras, plötzlich schrie ein Mann, sie solle sich "mit ihrem Drecksköter verpissen". Er stürmte auf den Hund zu und versuchte mehrmals, ihn zu treten. "Ich war total geschockt. Ich wusste nicht, was jetzt passiert."
Der Mann ging dann direkt auf Tanja los, ballte die Faust und brüllte: "Scheiß Ausländerin, verpiss dich von hier." Sie kannte ihn nicht, weiß bis heute nicht, wie er erfahren hat, dass sie Deutsche ist. "Ich hatte große Angst. Ich dachte, er schlägt mich gleich."
Aus Reflex streckte sie die Hand nach vorne. Laut Anklageschrift, die "20 Minuten" vorliegt, stieß er sie weg. "Ich fiel zu Boden. Beim Sturz habe ich nichts gespürt. Ich wollte nur so schnell wie möglich weg." Mit dem Hund rannte sie nach Hause und rief die Polizei. Erst dort bemerkt sie, dass ihre Hand angeschwollen war und schmerzte.
Beim Arzt zeigte sich: Verletzung am rechten Daumen, im Röntgenbild wurde eine Abnützung des Daumengelenks festgestellt (Rhizarthrose). Der Daumen musste ruhig gestellt werden, blieb danach steif und druckempfindlich. Zusätzlich bekam sie die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung und eine mittelgradige depressive Episode.
Tanja brachte den Fall zur Anzeige, die Staatsanwaltschaft ermittelte. Der Beschuldigte schwieg, wurde aber wegen Beschimpfung und Tätlichkeiten verurteilt. Er musste Tanjas Anwaltskosten und eine Entschädigung bezahlen. Die schriftliche Urteilsbegründung fehlt noch, das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Nach dem Angriff ging Tanja nie wieder dort spazieren. "Ich bin immer woanders hingefahren." Sie traute sich nicht mehr in die Nähe des Mannes. Nach einem halben Jahr packte sie zusammen und zog aus Angst weg. "Mir ging es psychisch sehr schlecht."
Tanja sagt, es ist für Deutsche in der Schweiz oft schwer, wirklich dazuzugehören. "Man ist viel allein, findet nicht richtig Anschluss." Trotzdem kann sie kaum fassen, was ihr passiert ist: "Ich traue mich kaum noch rauszugehen."
Vergessen kann sie den Vorfall nicht: "Ich erlebe das im Kopf immer wieder." Es wird langsam besser, meint sie. "Aber das braucht Zeit." Sie hat sogar daran gedacht, die Schweiz zu verlassen. "Ich bin ehrlich gesagt immer noch am Überlegen."
Gleichzeitig sagt sie: "Es würde sich nicht viel ändern. Solche Menschen gibt es überall. Und überall wäre ich eine Ausländerin. Das ist einfach eine Tatsache."