Mehr als ein Jahrzehnt nach Beginn des syrischen Bürgerkriegs startet erstmals ein Prozess gegen einen ranghohen Vertreter des alten Regimes. In Damaskus musste sich am Sonntag ein früherer Geheimdienstchef vor Gericht verantworten.
Auf der Anklagebank saß Atif Nadschib, einst Chef des Geheimdienstes in der Provinz Daraa und ein Cousin des gestürzten Machthabers Baschar al-Assad. Der Angeklagte erschien in Häftlingskleidung und mit Handschellen vor Gericht. Er wurde bereits im Jänner 2025 in der Küstenstadt Latakia festgenommen worden.
Nadschib wird vorgeworfen, 2011 an der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten beteiligt gewesen zu sein. Die Region Daraa gilt als Ausgangspunkt der damaligen regierungskritischen Demonstrationen, aus denen sich später der Bürgerkrieg entwickelte.
Mit dem Verfahren will die neue syrische Führung Verantwortliche aus dem früheren Machtapparat zur Rechenschaft ziehen. Zum Auftakt erklärte Richter Faschr al-Din al-Arijan: "Heute beginnen wir die ersten Prozesse der Übergangsjustiz in Syrien". Die erste Sitzung diente vor allem der Vorbereitung, eine Befragung des Angeklagten fand noch nicht statt. Ein weiterer Termin ist für den 10. Mai angesetzt.
Neben Nadschib gibt es laut Gericht weitere Beschuldigte, die sich "ihrer Verantwortung entzogen" hätten. Nach Angaben aus Justizkreisen werden auch Verfahren gegen Ex-Präsident Assad, seinen Bruder Maher sowie weitere frühere Spitzenfunktionäre vorbereitet. Assad selbst soll in Abwesenheit vor Gericht gestellt werden, während ein weiterer Verwandter, Wassim al-Assad, später persönlich erscheinen soll.
Der syrische Bürgerkrieg dauerte 13 Jahre und forderte mehr als eine halbe Million Todesopfer. Ende 2024 wurde Assad von Kämpfern unter Führung der islamistischen HTS-Miliz gestürzt. Seither führt der ehemalige HTS-Anführer Ahmed al-Scharaa die Übergangsregierung des Landes.