Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober blickt fünf Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie auf eine der umstrittensten Phasen der Zweiten Republik zurück. Im Interview-Format "Message Macht Medien" mit Polit-Insider und krone.tv-Podcaster Gerald Fleischmann spricht der frühere Grünen-Politiker über die damaligen Lockdowns, politische Folgen – und warum er die Maßnahmen bis heute verteidigt.
Anschober zeichnet das Bild einer verunsicherten Gesellschaft. Österreich stecke in einer regelrechten Stimmungskrise, vielen Menschen fehle der Glaube an eine positive Zukunft. Wirtschaftliche Ängste, globale Krisen und ein schwindendes gemeinsames Verständnis von Wahrheit würden populistische Strömungen stärken – und rechte Parteien profitieren lassen. "Wenn man eine schlechte Perspektive hat und nicht mehr daran glaubt, dass es gut wird, dann macht das etwas mit uns. Und es verschiebt auch in der Politik alles nach rechts", sagt Anschober mit Fleischmann.
Deutlich kritisiert er die Teilnahme einzelner Politiker an Anti-Corona-Demonstrationen während der Pandemie. Das habe in einer ohnehin angespannten Lage nicht zur Beruhigung beigetragen, "weil es sehr viele Menschen verunsichert hat". "Wenn Politiker plötzlich auf Anti-Corona-Demos stehen, dann fragen sich viele gerade aus ihrem Sympathisantenkreis, ist das überhaupt ein Thema?", so der ehemalige Gesundheitsminister.
Gleichzeitig erinnert er daran, dass die ersten Maßnahmen zu Beginn der Pandemie parteiübergreifend beschlossen worden seien – auch mit den Freiheitlichen: "Die FPÖ hat das mitgetragen und mitunterstützt", stellt der Ex-Minister klar.
Dass Österreich strukturell nur unzureichend vorbereitet gewesen sei, räumt Anschober im Rückblick ein. An der grundsätzlichen Strategie hält er jedoch fest. "Nach dem damaligen und heutigen Wissensstand ist die Kontaktbeschränkung das Mittel der Wahl gewesen", so Anschober im krone.tv-Interview. In seiner Expertenkommission habe er bewusst auch kritische Stimmen eingebunden, etwa den damaligen AGES-Chef, um nicht nur von "Ja-Sagern" umgeben zu sein. Für ihn bedeute professionelle Politik, dass man die "Gegenseite hört und ihre Argumente miteinfließen lässt."
"Ich habe sehr gezielt und bewusst, in die Expertenkommission, die mich beraten hat, auch Kritiker reingeholt. Gebrochen ist es deswegen, weil einzelne Personen, und das waren wenige, begonnen haben, die Parteipolitik in den Mittelpunkt zu stellen, vor dem Anliegen und dem Interesse der Pandemiebekämpfung", erklärt Anschober im Gespräch mit dem Polit-Insider.
Im Video: Ex-Minister Anschober über die Corona-Pandemie (Video: krone.tv)
Eine umfassende Aufarbeitung der Pandemie hält er weiterhin für notwendig. Seine "Lieblingsvorstellung" sei, dass Pamela Rendi-Wagner – frühere SPÖ-Gesundheitsministerin und heutige Leiterin der Europäischen Gesundheitskontrollbehörde – eine solche Aufarbeitung übernimmt. Denn: "Wenn man nicht darüber redet, wenn man es nicht aufarbeitet" werde man nie ausreichend vorbereitet sein.
Auch persönlich blickt Anschober auf eine belastende Zeit zurück. 2021 trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück – nach zwei Kreislaufkollapsen, extremen Blutdruckwerten und möglichen organischen Schäden. Ein politisches Comeback oder eine Kandidatur für das Bundespräsidentenamt schließt er trotz guter Umfragewerte aus. Zwar halte er es für "wichtig für unser Land", dass die Grünen stärker werden, seine eigene Zukunft sehe er aber nicht mehr in der aktiven Politik. "Aus meiner Sicht habe ich da überhaupt keine Ambitionen."
Mit seinem Buch "Ermutigung" möchte Anschober der verbreiteten Krisenstimmung etwas entgegensetzen. Er verweist auf Fortschritte bei der Energiewende oder der Lebensqualität in Städten, die seiner Ansicht nach zu wenig wahrgenommen würden. Sein Credo: Nur wer an eine positive Zukunft glaubt, kann sie auch gestalten.
Der Sender "krone.tv" zeigt das Interview am Donnerstag (21.15 Uhr) auch im TV.