Das deutsche Branchenmagazin "Aero Telegraph" erhebt schwere Vorwürfe: Ein Pilot, der seine Kapitänsausbildung nie abgeschlossen hat, soll "mehrere Jahre" für europäische Fluglinien tätig gewesen sein. Konkret geht es um einen mit den Initialen L.A.B. genannten Mann, der "zumindest seit vergangenem Sommer" bei der litauischen "Wet-Lease"-Fluglinie "Avion Express" als Kapitän angestellt war, wie "Aero Telegraph" in Erfahrung gebracht haben will. Dabei soll der Mann unter anderem auf Eurowings-Flügen eingesetzt worden sein.
"Wet Lease" bedeutet in der Luftfahrt, dass ein Unternehmen nicht nur Flugzeuge an Fluglinien vermietet – üblicherweise als vorübergehende Lösung bei kurzfristigen Kapazitätsengpässen – sondern auch die dazugehörige Bordbesatzung: Also Pilot, Ko-Pilot und Bordcrew.
Zu diesem Zweck verfügt "Avion Express" an seinem Hauptsitz in Litauen über 15 Airbus A-320-Maschinen, dem häufigsten auf innereuropäischen Flügen eingesetzten Flugzeugtyp mit standardmäßig 180 Sitzplätzen. Die Tochtergesellschaft "Avion Express Malta" zählt weitere 38 A-320-Passagierflugzeuge.
Zu den bekannten Kunden zählen neben Eurowings auch SunExpress, Norwegian Air Shuttle, LOT Polish Airlines und easyJet. Ob der falsche Pilot auch von diesen Fluglinien eingesetzt wurde, ist nicht bekannt – auch nicht, wie viele Flüge L.A.B. unberechtigterweise flog.
Bei "Avion Express" heißt es auf Anfrage von Aero Telegraph: "Wir können bestätigen, dass die betreffende Person ein ehemaliger Pilot war, der für unser Unternehmen tätig war", erklärte eine Sprecherin. "Vor Kurzem sind dem Unternehmen nicht verifizierte Informationen über seine Berufserfahrung bekannt geworden. Eine interne Untersuchung wurde umgehend eingeleitet und läuft derzeit noch."
Wie "Aero Telegraph" in Erfahrung gebracht haben will, soll L.A.B. zuvor bei der indonesischen Fluglinie Garuda Indonesia beschäftigt gewesen sein – als "Erster Offizier", also Ko-Pilot. Danach soll er sich mit gefälschten Papieren als Kapitän bei "Avion Express" beworben haben – und eingestellt worden sein. Eine Kapitänslizenz soll er jedoch nicht gehabt haben.
Wie das passieren konnte, kann sich die Fluggesellschaft nicht erklären. Aber: "Sicherheit und Compliance bleiben unsere höchsten Prioritäten", versichert "Avion Express" dem "Aero Telegraph".
Auch Eurowings wurde im Zuge der Recherchen von "Aero Telegraph" über den falschen Piloten in Kenntnis gesetzt. Dort scheint man bisher nichts davon gewusst zu haben: "Wir haben das Thema mit unseren Sicherheitsexperten zur genaueren Prüfung aufgenommen. Derzeit liegen uns keine weiterführenden Details vor", teilte Eurowings dem Branchenblatt mit.