Fortschrittliches Programm

"Fesch, nicht dick und potent" – Niavarani packt aus

Niavarani hinterfragt in der neuen Simpl-Revue den Fortschritt. Im "Heute"-Talk spricht er über Feminismus, ADHS und seine drei größten Lebenslügen.
14.10.2026, 06:00
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Früher war alles besser? Von wegen! Im Wiener Kabarett Simpl wird seit 1. Oktober wieder ordentlich ausgeteilt. Die neue Revue "Alles bleibt anders – Ein Rückschritt in 20 Fortschritten" wird nämlich ins Programm aufgenommen. Michael Niavarani (58) und Jenny Frankl haben sich dafür die großen Widersprüche der Menschheit vorgenommen. Denn während sich die Welt ständig verändert, wünschen sich viele nichts sehnlicher, als dass endlich wieder alles so wird wie früher. Nur: War es damals tatsächlich besser?

Fortschritt oder doch Rückschritt? In 20 Nummern nimmt das Simpl-Ensemble die großen Themen unserer Zeit aufs Korn: Gleichberechtigung, Klimawandel, Frieden und die ewige Sehnsucht nach der guten alten Zeit. Das Buch stammt von Niavarani und Frankl, Regie führen Niavarani und Helena Steele. Auf der Bühne stehen neben Frankl unter anderem Daniela Lehner, Lilly Rottensteiner, Joachim Brandl, Lukas Karzel, Julian Loidl und Bernhard Murg.

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Doch nicht nur auf der Bühne wird über den Fortschritt diskutiert. Auch abseits des Rampenlichts haben Niavarani und Frankl einiges zu sagen – und sind dabei längst nicht immer einer Meinung.

Niavarani: "Früher war nichts besser"

Ob früher tatsächlich alles besser war? Für Niavarani ist die Antwort eindeutig: "Nein, früher war nichts besser. Auch nicht bei mir persönlich. Ja, okay, ich war nicht so blad und hab’ mehr Haare gehabt", scherzt der Kabarett-Star im Gespräch mit "Heute".

Was er tatsächlich vermisst, hat allerdings wenig mit seinem Aussehen zu tun. "Generell vermisse ich aber nicht den Zustand, jung zu sein, sondern eher den Zustand, nicht berühmt zu sein und nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Das war so eine Freiheit."

Heute sieht sein Alltag anders aus. "Die Planung des Lebens ist das Ödeste, was es gibt. Geht aber nicht anders, wenn man drei Theater hat", erzählt er. Seinen Humor hat er jedenfalls nicht verloren. Auch seine drei größten Lebenslügen verrät er ganz offen: "Ich bin fesch, nicht dick und potent."

"Mein Geschlecht steckt momentan sehr zurück"

Deutlich ernster wird es, wenn Niavarani und Frankl über Gleichberechtigung sprechen. Für Frankl ist diese eines der wichtigsten Ziele gesellschaftlichen Fortschritts. Doch gerade bei diesem Thema ortet sie Gegenwind.

"Jetzt sind wir in einer Phase, in der sich die Männer alle angegriffen fühlen und das Gefühl haben, es wird ihnen was weggenommen", erklärt sie. Niavarani sieht darin sogar etwas Positives: "Aber das ist ein gutes Zeichen, dass sich die Männer angegriffen fühlen."

Ob er selbst Angst vor dem Feminismus hat? "Mein Geschlecht steckt momentan sehr zurück", scherzt er zunächst. Dann stellt er klar: "Nein, ich sehe Feminismus nicht als Bedrohung."

Allerdings räumt der Kabarettist gleich mit zwei Vorstellungen auf: "Das erste Märchen ist, dass die Frauen jetzt den Männern alles wegnehmen und die deshalb alles zerstören, weil das Patriarchat ja so super war. Und das zweite Märchen ist, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn Frauen regieren würden."

Da widerspricht Frankl entschieden: "Ich glaube nicht, dass es genauso viele Kriege geben würde, wenn Frauen regieren würden." Niavarani sieht Gewalt hingegen als grundsätzlich menschliches Problem.

Niavarani und Frankl sprechen offen über ADHS

Auch über ADHS sprechen die beiden offen. Als Niavarani von seinen Überlegungen erzählt, wie ein renoviertes Theater aussehen könnte, vermutet Frankl einen ganz bestimmten Grund für seine Gedankenspiele.

"Ich glaube, da hat sein ADHS gesprochen. Diese Idee ist einfach nur aus Unruhe entstanden", sagt sie lachend. Und fügt hinzu: "Keineswegs bin ich aber der Ruhepol. Ich hab’ auch ADHS."

Niavarani sieht in der damit verbundenen Unruhe durchaus etwas Positives. "Ich glaube, wenn Menschen kein ADHS gehabt hätten, dann wäre das Rad wahrscheinlich noch nicht mal erfunden worden."

Gleichzeitig betont er, wie wichtig es sei, ADHS als behandelbaren Zustand anzuerkennen, wenn Betroffene darunter leiden.

"Wir bringen uns gerade selber um"

Doch hinter all den Schmähs steckt auch eine ernste Botschaft. Besonders beim Thema Klimawandel findet Niavarani deutliche Worte.

"Wir haben seit 300.000 Jahren, also seitdem es Homo sapiens gibt, dieselben Probleme: Gewalt und die Zerstörung der Umwelt", erklärt er. Die Menschheit sei mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem sie ihre eigene Existenz gefährde.

"Das heißt, wir bringen uns gerade selber um, weil dem Planeten ist es wurscht, ob es 40, 50 oder 100 Grad hat."

Für ihn liegt genau darin der große Widerspruch der Menschheit: Wir erfinden ständig Dinge, die unser Leben angenehmer machen, und gefährden damit gleichzeitig unsere Lebensgrundlage.

Frankl wünscht sich vor allem gesellschaftliche Veränderungen: echte Gleichberechtigung, weniger Kriege und mehr Einsatz gegen den Klimawandel.

So kommt man durch Krisenzeiten

Und was hilft, wenn einem angesichts all der Krisen das Lachen vergeht? Frankl empfiehlt einen Perspektivenwechsel. Bei einem Gedankenexperiment werfen alle Menschen ihre Probleme auf Zetteln in einen Topf. Danach dürfte jeder ein fremdes Schicksal ziehen.

"Und ich glaube, dass ganz wenige Menschen in unserer privilegierten Gesellschaft ziehen würden", sagt sie.

Vielleicht ist also doch nicht alles so schlecht, wie wir glauben. Auch wenn früher angeblich alles besser war.

red, 14.10.2026, 06:00