Er spaziert durch Wohnsiedlungen, plündert Mülltonnen und lässt sich mancherorts von Passanten kaum noch aus der Ruhe bringen. Der Rotfuchs hat sich längst als erfolgreicher Stadtbewohner etabliert. Dabei könnte das Leben an unserer Seite sogar körperliche Spuren hinterlassen.
Forscher der Universität Glasgow untersuchten Schädel von Rotfüchsen aus London und der umliegenden ländlichen Region – und fanden Unterschiede zwischen Stadt- und Landbewohnern. Die Schnauzen der Stadtfüchse waren tendenziell kürzer und breiter, außerdem unterschieden sich Bereiche des Schädels, die mit der Kaumuskulatur zusammenhängen.
Besonders spannend ist, dass einige dieser Veränderungen an Muster erinnern, die Wissenschaftler auch im Zusammenhang mit domestizierten Tieren kennen. Die Forscher brachten deshalb sogar eine Art "Selbst-Domestizierung" als mögliche Erklärung ins Spiel. Dahinter steckt die Idee, dass nicht unbedingt ein Mensch bewusst Füchse züchten müsste.
Schon das Leben in einer von Menschen geschaffenen Umwelt könnte bestimmte Tiere begünstigen: Wer weniger scheu, anpassungsfähiger und geschickt genug ist, unsere Nahrungsquellen zu nutzen, könnte in der Stadt Vorteile haben. Die Autoren betonen allerdings, dass die beobachteten Schädelveränderungen auch mit der anderen Ernährung und Lebensweise urbaner Füchse zusammenhängen können.
Dass sich Füchse grundsätzlich erstaunlich schnell in Richtung "zahm" verändern können, zeigt eines der berühmtesten Experimente der Evolutionsbiologie. 1959 begann der sowjetische Genetiker Dmitri Beljajew, Silberfüchse – eine Farbvariante des Rotfuchses – gezielt nach ihrer Zahmheit gegenüber Menschen auszuwählen. Nach wenigen Generationen gab es Tiere, die menschlichen Kontakt suchten, mit dem Schwanz wedelten und sich streicheln ließen. Im Laufe der Zucht wurden auch körperliche und physiologische Veränderungen beschrieben, die an Merkmale domestizierter Tiere erinnern.
Ganz so eindeutig ist die Geschichte allerdings nicht. Neuere wissenschaftliche Arbeiten mahnen zur Vorsicht: Die Ausgangstiere des berühmten Experiments stammten bereits aus jahrzehntelanger Pelztierzucht, und manche Merkmale könnten schon vorher vorhanden gewesen sein. Auch die Vorstellung, dass Zahmheit automatisch ein festes Paket körperlicher Veränderungen – das sogenannte "Domestikations-Syndrom" – hervorruft, wird heute wissenschaftlich diskutiert.
Wird also irgendwann neben Labrador und Dackel ein Fuchs an der Leine durch unsere Parks spazieren? Davon sind wir weit entfernt. Ein Stadtfuchs, der Menschen nicht mehr sofort davonläuft, ist weder zahm noch domestiziert. Domestizierung beschreibt genetische Veränderungen einer Population über Generationen – Gewöhnung an Menschen dagegen kann bereits beim einzelnen Tier stattfinden.
Trotzdem erleben wir möglicherweise gerade einen faszinierenden evolutionären Prozess direkt vor unserer Haustür. Städte sind für Wildtiere völlig neue Lebensräume, in denen andere Eigenschaften von Vorteil sein können als auf dem Land. Beim Rotfuchs scheinen diese Bedingungen bereits messbare Spuren zu hinterlassen. Der "neue Hund" wird Meister Reineke wohl nicht – aber vielleicht können wir an ihm beobachten, wie das Zusammenleben mit dem Menschen eine Wildtierart langfristig verändert.