Ein Unbekannter schlug in der Nacht auf Sonntag im Tram Nummer 13 einer DJane mit der Faust ins Gesicht. "Ich saß nur da und schaute ihn nicht einmal an. Er griff mich aus dem Nichts an", sagt die Frau und zeigt ihre blutige Nase.
Zwei Helfer wurden Zeugen der Attacke und griffen ein: Sie fixierten den Mann sogar am Boden. "Was, wenn diese Männer nicht geholfen hätten und ich allein im Tram gewesen wäre – wer weiß, was passiert wäre", meint die Frau, die als DJ Onx häufig in der Nacht unterwegs ist. Auf Instagram erzählt sie, was danach geschah: Die Polizei konnte angeblich keine Einheiten schicken – trotz Anruf.
Die Polizei habe "keine Kapazität", sei ihr am Notruf gesagt worden, sie müssten "alle Kräfte" an einen anderen Ort schicken, um "Aktivisten zu verhaften", schildert die Frau ihre Erfahrung. Zur Einordnung: Zeitgleich lief ein Großeinsatz, weil Linksautonome das Kasernenareal im Stadtzentrum zu besetzen versuchten.
Offenbar war das leerstehende Gebäude für die Entscheidungsträger so wichtig, dass sie sämtliche Polizisten der Stadt dorthin beorderten – und alle anderen Notrufe liegen ließen. Doch wer sich denkt, dass die Polizei immerhin dort alles unter Kontrolle hatte, irrt. Trotz massivem Gewalteinsatz mit Gummischrot, Wasserwerfer und Tränengaseinsatz konnte sie den paar Dutzend Personen, die sich mit der Polizei ein Katz-und-Maus-Spiel lieferte, nicht Herr werden, wie Videos im Internet zeigen. Festnahmen gab es laut Medienberichten keine.
Weil keine Patrouille kam, ließen die Helfer den Täter also wieder laufen – zuvor filmten sie ihn jedoch, um ihn auf Social Media an den Pranger zu stellen. "Die Polizei kam nicht einmal, um mir zu helfen. Danke Zürich, ich fühle mich sicher", kommentierte die Frau und warnte noch andere Frauen, dass der Täter jetzt draußen herumlaufe und bestimmt darauf warte, ein weiteres Opfer zu attackieren. Frauen, die in der Region um die Tramstation Frankental (Linie 13) unterwegs seien, sollten besonders vorsichtig sein.
„Ich hätte gedacht, dass in Zürich die Polizei ausrückt, wenn jemand so einen Notfall schildert, unabhängig davon, was sonst in der Stadt los ist"“DJ OnxDie Betroffene im Telefoninterview mit watson.ch
Auch drei Tage nach dem Vorfall und trotz zahlreicher Presseanfragen ist die Stadtpolizei Zürich auf Tauchstation. Die letzte Stellungnahme von Polizeisprecher Marc Surber stammt vom Sonntag. Da hieß es zur Erklärung: "Die Entscheidungsträger, die in dieser Nacht im Einsatz standen, sind aufgrund ihres freien Tages heute nicht erreichbar, was für eine genaue Sachverhaltsklärung zwingend notwendig wäre."
Auch die Sicherheitsstadträtin Karin Rykart (Grüne) wollte sich gegenüber 20min.ch zu der nicht ausgerückten Patrouille nicht äußern: "Der geschilderte Sachverhalt muss zuerst von der Stadtpolizei geklärt werden. Ich kann mich daher nicht dazu äußern."
Auch die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) wurde in einer Beantwortung auf ihre Nachfrage auf "die kommenden Tage" vertröstet, wie sie Montagabend berichtete: "Zur Frage, ob die Polizei zur Tramstation ausgerückt sei, und falls nein, warum nicht, dürfte es also erst in den kommenden Tagen gesicherte Informationen geben", fasst sie zusammen.
Immer wieder wird in Zürich der Ruf nach mehr Polizisten laut. Doch die Forderung scheitert stets an der Kostenfrage. Im Vorjahr hatte Sicherheitsvorsteherin Rykart 17 neue Stellen angefordert – im rot-grünen Stadtrat wurden aber nur acht genehmigt. Von den bis 2023 geforderten 152 neuen Planstellen genehmigte das Stadtparlament nur die Hälfte, schreibt die NZZ.
Zur Erklärung: Im föderalen Schweizer System sind Kantone (Kantonspolizei) und Städte (Stadtpolizei) selbst für die Polizei zuständig – und müssen sie auch selbst finanzieren – anders als die Bundespolizei in Österreich.
Das im Internet viral gegangene Video rief jedenfalls viele Reaktionen hervor. Die Präsidentin der jungen SVP (Schweizer Volkspartei) des Kantons Zürich sprach von einem "absoluten Staatsversagen". Die SVP in der Stadt Zürich äußerte jedoch Verständnis für die Beamten: "Die Polizei will helfen, wenn sie gerufen wird – doch manchmal kann sie nicht."
Die Mitarbeiter machten bereits viele Überstunden und kaum Ferien, so SVP-Gemeinderat Stephan Iten zu 20min.ch. Rykart äußerte sich ähnlich: Die Belastung der sogenannten Frontpolizei sei sehr hoch. "Sie braucht zusätzliches Personal."
Aktualisierung 17.9.: Wie Schweizer Medien Dienstagabend berichteten, konnte aufgrund des Videomaterials ein 28-jähriger Tatverdächtiger, ein syrischer Staatsbürger, ausgeforscht und festgenommen werden. Dass die Polizei keine Streife schicken konnte sei nicht nur an der Bekämpfung einer versuchten Hausbesetzung gelegen sondern auch am gleichzeitig stattfindenden Volksfest Knabenschießen sowie an drei Verkehrsunfällen, die zum Zeitpunkt des Angriffs auf die Frau alle Einheiten banden.