Es gibt dieses eine Fach in der Brieftasche, das niemand jemals aufräumt. Der Führerschein liegt neben einer abgelaufenen Kundenkarte, dazwischen ein Kassenzettel, dessen Zweck keiner mehr erklären kann. Chaotisch, nutzlos – aber vertraut. Dieses Fach soll ab Jänner 2027 Schritt für Schritt überflüssig werden.
Statt in der Brieftasche zu landen, kommen Personalausweis, Führerschein und viele weitere Nachweise künftig auf das Smartphone. Die sogenannte EUDI-Wallet (European Digital Identity) macht es möglich – eine digitale Brieftasche, die EU-weit funktionieren soll.
Das eigentliche Problem beginnt nicht bei der Technik, sondern bei der Kommunikation, schreibt "inside-digital.de". Die Wallet sei in vielen Bereichen besser durchdacht als ihr Ruf vermuten lässt. Gleichzeitig wisse ein Großteil der Bevölkerung kaum, dass sie überhaupt existiert.
Laut einer Bitkom-Umfrage wollen 54 Prozent der Deutschen die EUDI-Wallet nutzen, sobald sie verfügbar ist. Doch es gibt einen Haken: Nur 18 Prozent haben die nötige Online-Funktion des Personalausweises aktiviert und kennen ihre PIN. Weitere 21 Prozent haben die Funktion zwar freigeschaltet, wissen aber ihre PIN nicht mehr.
Wer seinen digitalen Ausweis nutzen möchte, scheitert womöglich schon an der ersten Hürde. Die Bundesregierung muss dafür sogar einen alten PIN-Rücksetzdienst reaktivieren. Es ist, als würde man ein Raumschiff präsentieren und am Startmorgen feststellen, dass niemand mehr weiß, wo der Zündschlüssel liegt.
Langfristig soll die Wallet weit mehr sein als ein digitaler Ausweis. Die qualifizierte elektronische Signatur könnte den absurden Kreislauf aus Ausdrucken, Unterschreiben und Einscannen endlich beenden. Auch über die Einbindung des digitalen Euro wird bereits diskutiert.
Banken beobachten die Entwicklung genau. Die Wallet soll künftig als Identitätsnachweis bei der Kontoeröffnung dienen und könnte langfristig enger mit Zahlungsfunktionen zusammenwachsen.
Vielleicht ist die eigentliche Revolution gar nicht die EUDI-Wallet selbst, sondern die Erkenntnis, dass wir unser Portemonnaie längst gegen ein Smartphone eingetauscht haben – es bisher aber nur nicht zugeben wollen. Die meisten von uns würden heute doch eher das Portemonnaie als das Handy verlieren wollen.