In Brüssel eskaliert die Gewalt im Drogenmilieu. Innerhalb von nur fünf Tagen registrierten die Behörden sieben Schießereien. Die belgische Regierung reagiert mit zusätzlichen Polizisten und Überwachungskameras. Doch die bisherigen Maßnahmen konnten die Gewalt nicht stoppen.
Die Gewaltserie begann am Freitagabend im Brüsseler Stadtteil Anderlecht. Kurz vor Mitternacht sollen zwei Männer vor einem Polizeiposten aufgetaucht sein. Einer filmte mit seinem Handy, der andere feuerte mit einem Kalaschnikow-Sturmgewehr zwölf Schüsse auf die Eingangstür ab.
Danach flüchteten die beiden auf einem Elektroroller. Verletzt wurde niemand, weil der Polizeiposten zu diesem Zeitpunkt geschlossen war. Die Behörden vermuten einen Vergeltungsakt aus dem Drogenmilieu. Zuvor hatte die Polizei mehrere Razzien gegen mutmaßliche Drogendealer durchgeführt.
Doch die Schüsse auf den Polizeiposten waren erst der Anfang. Am Samstagabend wurde im Stadtteil Saint-Gilles ein Mann durch einen Schuss am Bein verletzt.
Am frühen Sonntagmorgen kam es zum nächsten gefährlichen Vorfall: Eine Kugel durchschlug das Fenster eines Schlafzimmers. Die Bewohnerin befand sich zu diesem Zeitpunkt noch im Bett.
Am Montag fielen schließlich in der Nähe des Bahnhofs Bruxelles-Midi erneut Schüsse. Ein Mann feuerte mit einer automatischen Waffe. Gäste einer Pizzeria mussten sich in Sicherheit bringen.
Bis Dienstag zählten die Behörden sieben Schießereien innerhalb von fünf Tagen. Sämtliche Vorfälle werden mit der Drogenkriminalität in Verbindung gebracht.
Brüssel kämpft bereits seit Jahren mit rivalisierenden Banden und dem Drogenhandel. Besonders betroffen sind Viertel im Westen der belgischen Hauptstadt, darunter Anderlecht. Inzwischen breitet sich die Kriminalität aber auch auf wohlhabendere Gegenden aus.
2025 erreichte die Gewalt einen traurigen Rekord. Bei insgesamt 101 Schießereien wurden acht Menschen getötet und 43 verletzt. Für besonderes Aufsehen sorgte dabei eine Schießerei in der U-Bahn-Station Clemenceau im Februar.
Auch 2026 bleibt die Situation dramatisch: Bisher wurden 66 Schießereien mit 25 Verletzten und zwei Toten registriert.
Jetzt schlägt die belgische Regierung Alarm. Innenminister Bernard Quintin bezeichnete den Kampf gegen die organisierte Kriminalität rund um den Drogenhandel am Donnerstag als "nationalen Notstand".
Die Polizeipräsenz in den betroffenen Vierteln soll deutlich erhöht werden. Nach einer Krisensitzung wurde beschlossen, 40 zusätzliche Polizisten einzusetzen. In den kommenden Tagen sollen außerdem 20 mobile Überwachungskameras aufgestellt werden.
Eine eigene Koordinierungsstelle soll den Informationsaustausch zwischen Polizei, Gemeinden und regionalen Behörden verbessern.
Dabei wurde die Polizeipräsenz bereits zuvor verstärkt. 77 zusätzliche Polizisten wurden nach Brüssel geschickt, zudem gab es mehr Geld für Überwachungskameras. Seit dem Frühjahr patrouillieren Polizisten gemeinsam mit Soldaten in Metrostationen und Bahnhöfen.
Der erhoffte Rückgang der Drogenkriminalität blieb bisher aus. Deshalb stehen jetzt noch drastischere Schritte im Raum. In besonders betroffenen Gebieten könnten Ausgangssperren verhängt oder Zonen eingerichtet werden, die nur noch von Anrainern betreten werden dürfen.
Das würde allerdings auch jene Menschen einschränken, die täglich unter der Gewalt der Drogenbanden leiden. Indes wächst die Wut über die Zustände. Für Sonntag ist in Saint-Gilles eine Demonstration gegen die Drogenszene geplant - ausgerechnet auf einem bekannten Drogenumschlagplatz.