Die Mutter zweier Kinder arbeitete als Pflegerin in der Palliativmedizin der Klinik Wien-Favoriten, betreute Todkranke mit den "fürchterlichsten Schicksalen". Im September 2025 starb dort eine ihrer Patientinnen. Die 61-Jährige hatte Leukämie im Endstadium.
"Ihr ging es sehr schlecht, Schmerz- und Beruhigungsmittel wirkten bei ihr kaum noch", schildert die 47-Jährige nun der "Kronen Zeitung". Deshalb erhöhte sie deren Dosis im ihr gesetzlich erlaubten Rahmen, "um ihre Pein zu lindern". Am nächsten Morgen (18. September) war die Frau tot. Was damals niemand wusste: eine Pilzinfektion hatte ihre Lunge versagen lassen.
Die Pflegerin geriet daraufhin plötzlich ins Visier der Kriminalpolizei. "Wie, verstehe ich bis heute nicht." Am 20. September wurde sie über einen ungewöhnlichen Anruf ins Kommissariat in Favoriten bestellt. Den Grund verrieten ihr die Beamten nicht: "Ich geriet in Panik, dachte, einem mir nahestehenden Menschen wäre etwas Schreckliches passiert."
Gleich bei diesem ersten Treffen wurde ihr von den Ermittlern vorgeworfen, sie hätte die Krebspatientin mit Medikamenten umgebracht. "Zunächst fühlte ich mich wie in einem irren Film. Doch nach und nach wurde mir bewusst, dass mich die drei Beamten, die vor mir saßen, tatsächlich für eine eiskalte Killerin hielten", erinnert sich die in Niederösterreich lebende Beschuldigte zurück.
Die Kriminalisten machten Druck, wollten ein Geständnis herauspressen: "Ein Anwalt wird Ihnen nichts nützen. Geben Sie endlich Ihr Verbrechen zu!" Für die 47-Jährige war es der Horror: "Ich weinte, mein Puls raste, ich hatte Brechreiz. Ich sagte dauernd: 'Ich habe niemanden getötet, ich könnte das gar nicht tun.'"
Am nächsten Tag habe im Spital dann eine "Inquisition" über sie gerichtet, Klinikleitung und Belegschaft seien sofort auf "totalen Abstand" zu ihr gegangen. Und das alles, obwohl es keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen gegeben hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte aufgrund der dünnen Indizienlage sogar auf die Beantragung einer U-Haft verzichtet. Die Dienstfreistellung folgte dennoch umgehend.
Damit hörte es aber nicht auf: Eine enge Kollegin, die weiter fest zu ihr gehalten hatte, sei von der Polizei gleich ebenso als mögliche Mittäterin ins Visier genommen worden. Beide Frauen wurden im November gekündigt.
Und als wäre das nicht schlimm genug: Plötzlich wurde auch der Tod eines schwer Krebskranken im Jänner 2025 mit ihr in Verbindung gebracht. Die Ermittler planten sogar eine Exhumierung seines Leichnams.
Zwei Monate später folgte "die für mich so schreckliche" "Falter"-Enthüllungsgeschichte zu dem Fall. "Damit wurde mir endgültig meine Ehre genommen", der immer noch unbewiesene "abscheuliche Verdacht" gegen sie sei damit öffentlich gemacht worden, "ohne dass ich mich dazu äußern durfte."
Monate später die Wende: Die Vorwürfe hielten nicht stand. Die Ermittlungen ergaben, dass die Frau nichts mit den Todesfällen zu tun hat. Sie gilt inzwischen als vollständig entlastet.
Obwohl die Menschen in ihrem privaten Umfeld ihr weiter beistanden und von ihrer Unschuld überzeugt waren, hinterließ das alles schreckliche Spuren an ihr. "Irgendwann konnte ich kaum noch essen oder schlafen. Ich begann, an Angstzuständen und Panikattacken zu leiden. Letztlich war meine Verfassung so schlimm, dass ich von einem Psychiater behandelt werden musste", schildert sie der "Kronen Zeitung". Ohne tägliche Beruhigungsmittel hätte sie es nicht durchgestanden, sagt die 47-Jährige. Sie sei jetzt dabei, die Medikamente "auszuschleichen", bald will sie wieder "völlig clean" sein.
Die Niederösterreicherin will wieder in die Krankenpflege zurückkehren: "Ich liebe meinen Beruf". Um Palliativstationen wird sie aber einen Bogen machen: "Dafür braucht es nämlich eine besondere Kraft, die mir im Augenblick vermutlich noch fehlt."
Trotz ihrer Tortur empfindet sie gegenüber den Ex-Kollegen und den Kriminalisten keine Wut, sondern nur Enttäuschung.