Jedes Jahr ab Mitte August gibt es rund um Arnoldstein und den Dobratsch ein ganz besonderes Naturerlebnis: Tausende Greifvögel machen sich auf den Weg in ihre Winterquartiere. Seit mittlerweile 20 Jahren werden diese Zugvögel beim Kärntner Greifvogelcamp gezählt und Vogelschutzorganisation BirdLife organisiert dieses Highlight.
Ziel ist es, an diesem wichtigen Punkt nicht nur die Wespenbussarde, sondern auch alle anderen vorbeiziehenden Greifvogelarten zu erfassen. So bekommt man einen guten Überblick, wie viele Tiere in diesen zwei Wochen Richtung Süden unterwegs sind. Heuer haben die Beobachterinnen und Beobachter zwischen 18. und 31. August 4.468 Wespenbussarde gezählt. Wie kleinezeitung.at berichtet, sorgte aber eine andere Vogelart für die große Überraschung: 222 Rohrweihen – so viele wie noch nie in den letzten 20 Jahren.
„Die Rohrweihen sind innerhalb dieser 20 Jahre noch nie in so großer Anzahl festgestellt worden“Andreas KleeweinGeschäftsführer, Birdlife Kärnten
Das sehr warme und trockene Jahr in vielen Teilen Europas könnte da mitgespielt haben. Möglich ist aber auch, dass sich die Zugroute etwas verschoben hat. "Genau kann man es aber nicht sagen", betont der 45-jährige Veldener. Normalerweise setzt der Hauptzug der Rohrweihen schon Ende Juli oder Anfang August ein. Dass während des Greifvogelcamps noch so viele Tiere beobachtet wurden, hat es in Kärnten in dieser Intensität bisher noch nicht gegeben.
Solche Langzeitbeobachtungen sind enorm wichtig, um zu verstehen, wie sich die Bestände einer Vogelart entwickeln.
Im Mittelpunkt des Greifvogelcamps steht aber seit Beginn der Wespenbussard. In den letzten 20 Jahren wurden insgesamt 78.606 Wespenbussarde gezählt. Diese Art macht mehr als 90 Prozent der in den zwei Beobachtungswochen erfassten Greifvögel aus.
Ins Leben gerufen wurde das Projekt von Kleeweins Vorgänger Remo Probst, seit 2013 leitet Kleewein das Camp. Die lange Datenreihe zeigt vor allem, wie stark die Zahl der Wespenbussarde von Jahr zu Jahr schwankt. 2014 gab es den bisherigen Rekord mit 6.290 Tieren, heuer waren es 4.468. Die Schwankungen hängen zum Beispiel mit dem Bruterfolg zusammen: "Wespenbussarde ernähren sich vor allem von Wespenlarven und -puppen. Ist das Nahrungsangebot gering, kann auch der Nachwuchs geringer ausfallen. Ebenso können Extremwetterereignisse zu Ausfällen bei Jungvögeln führen", erklärt Kleewein. Genau deshalb sind die über zwei Jahrzehnte gesammelten Daten so wertvoll: Einzelne besonders gute oder schlechte Jahre sagen noch wenig darüber aus, wie sich der Bestand tatsächlich entwickelt.
Eine weitere Erkenntnis aus 20 Jahren: Der Hauptdurchzug der Wespenbussarde findet nach wie vor von Mitte bis Ende August statt. Bei anderen Vogelarten hat sich der Zeitpunkt aber schon verschoben. Mauersegler sowie Mehl- und Rauchschwalben bleiben wegen der höheren Temperaturen oft länger in ihren Brutgebieten und ziehen später Richtung Süden. Beim Wespenbussard gibt es so eine Verschiebung bisher nicht. Die genaue Auswertung der 20 Jahre läuft noch.
„An keinem anderen Ort in Österreich können Greifvögel in dieser Intensität beobachtet werden“
Warum gerade im Raum Arnoldstein und Dobratsch so viele Greifvögel beobachtet werden können, liegt an der speziellen Thermik und Landschaft. Die Vögel nutzen die aufsteigende warme Luft, um Höhe zu gewinnen und dann energiesparend weiterzugleiten. Gleichzeitig hilft der Einschnitt Richtung Kanaltal den Tieren, das Gebirge zu überwinden. Für die Beobachtung des Greifvogelzugs ist dieser Punkt in Österreich besonders wichtig.
Das Besondere am Camp ist aber nicht nur die große Zahl an Tieren: Manche Greifvögel ziehen in relativ niedriger Höhe vorbei. Dazwischen tauchen Löffler, Schwarzstörche, seltene Möwenarten und andere Vögel auf, die man während des Herbstzugs sonst kaum zu Gesicht bekommt. Für Ornithologinnen und Ornithologen ist das Camp jedes Jahr ein Treffpunkt zum Austausch. Und längst kommen nicht mehr nur Fachleute. Vogelbegeisterte aus vielen europäischen Ländern, aber auch zahlreiche Menschen aus der Region, verfolgen den Zug. Für Kleewein ist das nach 20 Jahren eines der schönsten Dinge: Menschen erleben vor ihrer Haustür ein Naturschauspiel, von dem viele vorher gar nicht wussten, dass es hier so stattfindet.