Sie sind kräftig, bunt - und eigentlich fehl am Platz: Dutzende Wildblumenarten blühen derzeit mitten im Winter. Was nach Naturwunder aussieht, ist laut Experten ein Warnsignal. Schuld ist die Klimaerhitzung, die Pflanzen (ebenso wie Tiere) zunehmend aus dem Takt bringt: Blühende Blumen werden zu Boten der Klimakrise.
Viele der jetzt blühenden Blumen haben den Herbst überlebt: Zu diesen "Survivorn" gehört hierzulande die Loesels Rauke (auch Wiener Rauke genannt). "Sie blüht normalerweise von Mai bis November, aber ich habe sie mehrfach bis in den Jänner hinein blühend gesehen", erklärt Boku-Botaniker Leonid Rasran im "Heute"-Gespräch. "Ganz klar profitiert diese Art vom Klimawandel."
Ein weiterer "Jänner-Blüher" ist das Schmalblättriges Greiskraut, eine invasive Art aus Südafrika, dessen Blührhythmus noch auf südliche Hemisphäre angepasst ist. "Dass diese Art so schnell in Europa Fuß fassen konnte, hängt auch damit zusammen, dass die klimatischen Unterschiede zu Südafrika nicht mehr so gravierend sind", sagt Rasran. Weitere Neophyten, die gelegentlich mitten im Winter blühen, sind die falsche Erdbeere.
Ebenfalls im Jänner-Frost blühen Persischer Ehrenpreis, Hirtentäschel und Purpurrote Taubnessel. An diesen Pflanzen könne man die Klimakrise nicht ganz so gut feststellen, da sie "Gelegenheiten-Nutzer" sind und keine langjährigen Anpassungen zeigen. Ähnliches gelte für Gänseblümchen und Schafgabe, die "unzerstörbar" seien und blühen, "wann immer es ihnen beliebt."
Der Winterling gehört zu den "wahren Winterblühern". Seine Strategie besteht darin, "alles Nötige schon im Herbst unter der Erde vorzubereiten". Hier wird das Blühen temperaturgesteuert - je früher die Wärme kommt, desto früher entfalten sich die Blüten. Das immer frühere Erblühen sei ein "deutlicher Beleg für die Klimaerwärmung".
Eine Studie in Großbritannien kam zu ähnlichen Ergebnissen. Zu den "Winterblühern" zählten dort Gänseblümchen, Löwenzahn und Greiskraut, auch Mexikanisches Berufkraut und Rote Taubnessel wurden blühend "ertappt". Dies sei ein "sichtbares Signal extremer Klimaereignisse", warnt Botaniker Kevin Walker (BSBI). Schon 1 Grad mehr im November oder Dezember reiche, um im Schnitt 2,5 zusätzliche Pflanzenarten zur Winterblüte zu bringen.
Debbie Hemming vom britischen Wetterdienst Met Office ergänzt: "Das ist ein konkreter Beweis dafür, dass der Klimawandel die Welt um uns herum direkt beeinflusst." Die Flora werde zunehmend zu einem Spiegel der Klimakrise.
Laut EU-Klimadienst Copernicus dürfte 2025 eines der drei wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen werden – ähnlich heiß wie 2023, aber wohl nicht so extrem wie das Rekordjahr 2024. Fakt ist: Wenn mitten im Winter Blumen blühen, ist das kein Frühlingsgruß – sondern ein stiller Hilferuf der Natur.
Die Folgen des Blüh-Chaos könnten katastrophale Ausmaße annehmen: Im Mittelmeerraum könnten Obstbäume wie Apfel, Mandel oder Pistazie künftig gar nicht mehr richtig blühen - weil milde Winter die nötige Kältephase verhindern. In Mitteleuropa dagegen droht das Gegenteil: Frühblüher wie Kirsche oder Pflaume könnten viel zu früh austreiben - mit Risiko für Ernteausfälle durch Spätfrost.