Die Entscheidungswahl ist geschlagen, doch es gibt noch lange keine Entscheidung! Israel hat am Dienstag ein neues Parlament gewählt. Doch auch am Mittwoch ist völlig offen, wer das Land künftig regieren wird. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu liegt mit seinen Verbündeten zwar vorne, die notwendige Mehrheit ist aber außer Reichweite.
Für den langjährigen Regierungschef steht viel auf dem Spiel. Sein größter Herausforderer ist Gadi Eisenkot, ein ehemaliger Armeechef, der Netanyahu ablösen will. Beide Lager kämpfen um die Macht, doch keines kann derzeit allein eine Regierung bilden.
Die neuesten Zahlen zeigen, wie schwierig die Lage ist. Nach Auszählung von rund 84 Prozent der Wahlurnen kommt Netanyahus Lager auf 54 Sitze. Das Bündnis rund um Eisenkot erreicht 49 Sitze. Die beiden arabisch geprägten Parteien halten gemeinsam 17 Sitze.
Zum Verständnis: Das israelische Parlament, die sogenannte Knesset, hat insgesamt 120 Sitze. Wer regieren will, braucht die Unterstützung von mindestens 61 Abgeordneten.
Netanyahu fehlen damit derzeit sieben Sitze zur Mehrheit. Auch Eisenkot kann ohne weitere Unterstützung keine Regierung bilden.
Besonders spannend ist deshalb die Rolle der arabischen Parteien. Sie lehnen Netanyahu ebenfalls ab und könnten damit für einen Machtwechsel entscheidend sein.
Allerdings gibt es ein Problem: Mehrere Parteien aus Eisenkots Lager haben bisher ausgeschlossen, gemeinsam mit den arabischen Parteien zu regieren.
Eine Möglichkeit wäre, dass diese Parteien eine neue Regierung unterstützen, ohne selbst Ministerposten zu übernehmen. Ob es dazu kommt, ist allerdings offen.
Dazu kommt: Das Wahlergebnis ist noch nicht endgültig. Im Laufe der Nacht hat sich das Kräfteverhältnis bereits mehrfach verschoben.
Besonders wichtig sind die Stimmen von Soldaten und anderen Menschen, die nicht in ihrem regulären Wahllokal abgestimmt haben. Mehr als 650.000 solcher Stimmzettel müssen gesondert überprüft und ausgezählt werden.
Das könnte noch bis Freitag dauern. Auch kleinere Parteien, die um den Einzug ins Parlament kämpfen, könnten das Ergebnis verändern. In Israel müssen Parteien mindestens 3,25 Prozent der Stimmen erreichen, um Sitze zu bekommen.
Selbst wenn alle Stimmen ausgezählt sind, steht noch nicht automatisch fest, wer Ministerpräsident wird.
Israels Präsident Isaac Herzog muss zunächst mit den gewählten Parteien sprechen. Anschließend beauftragt er einen Politiker damit, eine Regierung zu bilden.
Dieser muss genügend Parteien hinter sich versammeln, um im Parlament auf eine Mehrheit zu kommen.
Für Netanyahu bedeutet das: Obwohl sein Lager derzeit vorne liegt, ist eine weitere Amtszeit keineswegs gesichert. Und auch Eisenkot muss erst Verbündete finden, wenn er den Regierungschef ablösen will. Die Israelis haben also gewählt, der eigentliche Kampf um die Macht beginnt erst jetzt.