In der Silbergasse 2 in Wien-Döbling entsteht der erste Tempel der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in Österreich. Am Samstag (17. Oktober) wurde mit einem feierlichen Spatenstich der Baubeginn begangen. Der Neubau soll rund 1.400 Quadratmeter groß werden und fünf Geschoße umfassen. Die Fertigstellung ist für 2029 geplant.
Für die mehr als 4.700 Mitglieder der Glaubensgemeinschaft in Österreich ist der Bau ein besonderer Meilenstein. Bisher mussten Gläubige für Tempelbesuche ins Ausland reisen. Künftig können sie wichtige religiöse Zeremonien auch in Wien durchführen.
Der neue Tempel entsteht auf einem 3.240 Quadratmeter großen Grundstück im 19. Bezirk. Das bestehende Gemeindehaus wird dafür abgerissen. Die Mitglieder können während der Bauzeit das Gemeindehaus im zweiten Bezirk nutzen.
Das Gebäude wird zweieinhalb oberirdische und zweieinhalb unterirdische Geschoße haben. Die Architektur verbindet neoklassizistische und moderne Elemente. Die fünf Ebenen sollen den geistigen Aufstieg des Menschen symbolisieren.
Besonders aufwendig wird die Innenausstattung: Geplant sind unter anderem eigens angefertigte Bleiglasfenster mit Edelweißmotiven. Finanziert wird der Bau vollständig aus kircheneigenen Mitteln. Wie viel der Tempel kostet, wurde nicht bekannt gegeben.
Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wurde 1830 in den USA gegründet – seit 1955 ist die Kirche in Österreich staatlich anerkannt. Ihre Mitglieder werden häufig als Mormonen bezeichnet, wobei die Glaubensgemeinschaft selbst ihren vollständigen Namen bevorzugt.
Die Kirche vertritt eine konservative Sexualmoral. Sexuelle Beziehungen sind nach ihrer Lehre ausschließlich zwischen einem Mann und einer Frau erlaubt, die miteinander verheiratet sind. Sex vor der Ehe, Ehebruch und der Konsum von Pornografie widersprechen den kirchlichen Geboten. Auch von Selbstbefriedigung wird abgeraten. Gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen sind nach der offiziellen Lehre ebenfalls nicht erlaubt.
Historisch ist die Glaubensgemeinschaft auch für die Polygamie bekannt. Im 19. Jahrhundert praktizierten Teile der Kirche die sogenannte Mehrehe, bei der ein Mann mit mehreren Frauen verheiratet war. Die offizielle Kirche beendete diese Praxis 1890 grundsätzlich und setzte das Verbot später konsequenter durch. Heute ist Polygamie innerhalb der Kirche verboten.
Zu den weiteren religiösen Verhaltensregeln zählt der Verzicht auf Alkohol, Tabak, Kaffee und traditionellen Tee. Auch regelmäßige Gottesdienste, ehrenamtliches Engagement und Missionstätigkeit spielen eine wichtige Rolle.
Anders als gewöhnliche Gemeindehäuser sind die Tempel der Glaubensgemeinschaft nach ihrer Weihung nicht öffentlich zugänglich. Zutritt haben nur Mitglieder, die bestimmte religiöse Voraussetzungen erfüllen und einen entsprechenden Tempelschein besitzen. Im Tempel finden besondere Zeremonien statt, darunter Eheschließungen.
"Der Tempel soll ein Ort sein, an dem der Glaube an Jesus Christus gestärkt wird und Menschen Frieden, Hoffnung und Zuversicht finden", erklärte Simon Soucek, Präsident des österreichischen Kirchenvorstands.
Vor der offiziellen Weihung des Tempels wird es allerdings Tage der offenen Tür geben. Dann können auch Menschen, die nicht der Glaubensgemeinschaft angehören, das Gebäude besichtigen. Die Außenanlagen bleiben auch danach öffentlich zugänglich.