Der tragische Tod eines vierjährigen Mädchens aus Österreich, das in Italien ertrunken ist, macht erneut deutlich, wie schnell Badeunfälle passieren können. Kinder ertrinken nicht zwangsläufig mit lautem Schreien oder wildem Rudern. Im Gegenteil: Oft geschieht es lautlos – und sogar in unmittelbarer Nähe der Eltern.
In der Klinik Donaustadt werden jährlich fünf bis sieben Kinder nach Badeunfällen intensivmedizinisch behandelt. Jeder 5. Badeunfall endet tödlich. Überlebende leiden häufig an bleibenden Folgeschäden. Thomas Wagner, Intensivmediziner und Leiter der Kinder- und Jugendabteilung, warnt eindringlich: Viele dieser Unfälle wären durch konsequente Aufsicht und frühes Schwimmenlernen vermeidbar.
"Kleine Kinder können beim Untergehen aufgrund der motorischen Entwicklung den Kopf nicht aus dem Wasser heben – selbst bei wenigen Zentimetern Wassertiefe, beispielsweise in einem Planschbecken", schildert der Arzt.
Die Folgen eines Badeunfalls können dramatisch sein. Bereits drei Minuten ohne ausreichende Sauerstoffversorgung können das Gehirn schwer schädigen. "Das Gehirn kann bei einer Sauerstoffunterversorgung seine Aufgabe nicht mehr erfüllen. Wir versuchen dann im Zuge der Behandlung zu verhindern, dass es zu einer Verschlechterung dieser Schädigung kommt", sagt Wagner.
Besonders gefährlich sind private Pools und Schwimmteiche. Dort passieren laut dem Experten doppelt so viele Badeunfälle wie in Freibädern. Eine Umzäunung und ein Schloss, das Kinder nicht selbst öffnen können, seien daher entscheidend. Planen allein reichen nicht aus. Auch Leitern und Rutschen sollten entfernt werden, wenn gerade nicht gebadet wird.
Wer mehrere Kinder beaufsichtigt, sollte sich nicht auf Zurufe oder das Gehör verlassen. Ein kurzer Gang zur Toilette oder ein Blick aufs Handy kann im schlimmsten Fall fatale Folgen haben. "Eine konkrete Person muss ernannt werden, die ausschließlich für die Aufsicht der Kinder im Wasser zuständig ist", betont Wagner.
„Sollte ein Kind verschwunden sein, dann immer zuerst im Wasser suchen.“
Sein wohl eindringlichster Rat: "Sollte ein Kind verschwunden sein, dann immer zuerst im Wasser suchen. Viele Eltern suchen zunächst im Haus. Dadurch wird ein Ertrinkungsunfall im privaten Bereich oft zu spät bemerkt."
Neben mangelnder Beaufsichtigung gelten fehlende Schwimmkenntnisse als eine der Hauptursachen für Ertrinkungsunfälle. Wagner rät, Kinder möglichst früh an das Schwimmen heranzuführen. "Bereits ab einem Alter von 3 Jahren können die Grundlagen gelernt werden", erklärt der Intensivmediziner.
Doch auch Kinder, die bereits schwimmen können, sind nicht automatisch sicher. Ungewohnte Situationen, Wellen oder Panik können dazu führen, dass erlernte Bewegungen plötzlich nicht mehr funktionieren.
Schwimmflügerl und andere Schwimmhilfen können zusätzliche Sicherheit bieten, ersetzen aber niemals die Aufsicht. Kleinkinder sollten lernen, nur gemeinsam mit Erwachsenen zum Wasser zu gehen. Ältere Kinder sollten ausschließlich zu zweit schwimmen.
Geht ein Kind unter, muss sofort gehandelt werden. Die Rettungskette ist zu aktivieren, danach soll – wenn das Kind nicht mehr atmet – unverzüglich mit der Beatmung begonnen werden. "Das Entscheidende ist, die Luft in die Lunge des Kindes zu bekommen, wenn es nicht mehr atmet", sagt Wagner.
Der Experte empfiehlt Eltern deshalb, einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen. Denn im Ernstfall entscheiden nicht selten wenige Sekunden darüber, ob ein Badeunfall mit einer Rettung oder einer Katastrophe endet.