Im August 2025 bezeichnete Trump den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Alaska noch als "guten Freund" – diese Zeiten scheinen jetzt endgültig vorbei zu sein: Anfang Oktober hatte Donald Trump angekündigt, die Ukraine mit Tomahawk-Raketen zu beliefern, wenn sich mit Putin keine friedliche Lösung für den Konflikt finden lasse. Als Reaktion hat der Kreml bereits mit nuklearen Vergeltungsmaßnahmen gedroht.
Der Plan des US-Präsidenten sieht demnach vor, NATO-Länder in Europa mit dem Raketensystem zu beliefern, von dort aus sollen die Tomahawks an die Ukraine weitergegeben werden. "Das ist ein cleverer Schachzug Trumps: Wenn es zu einer Eskalation kommt, dann mit der ganzen NATO und nicht nur mit einem Land", sagt Osteuropaexperte Marcel Hirsiger von der Fachhochschule Nordwestschweiz gegenüber 20 Minuten. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Trump werden sich am Freitag treffen.
Mit den Raketen, die über eine Reichweite von 2.500 Kilometern verfügen, könnte die Ukraine Ziele angreifen, die noch viel weiter liegen, als bislang – und theoretisch auch Moskau treffen. Laut Hirsiger würden bei einer allfälligen Lieferung aber ähnliche Regeln wie bei den ATACMS-Raketen gelten: "Trump will die Ziele vorab wissen. Für gewisse Ziele, etwa Militärbasen in Moskau, wird die USA wohl keine Freigabe erteilen", so die Einschätzung von Hirsiger.
Die US-Raketen könnten aber eine entscheidende Rolle spielen, um den russischen Nachschub zu schwächen, etwa mit Angriffen auf zuletzt in Reichweite der Tomahawk-Raketen errichtete Drohnenfabriken, Treibstofflager und Luftwaffenbasen, die bislang von ukrainischen Angriffen verschont blieben. "Gerade die Zerstörung von Drohnenfabriken wäre militärisch sehr wichtig" – zuletzt hatte der Kreml seinen täglichen Drohnenkrieg laufend intensiviert.
Die mögliche Lieferung von Tomahawk-Raketen geht aber weit über die militärischen Auswirkungen hinaus: "Erstmals würde eine gewisse Symmetrie bestehen und die Ukraine könnte auch Langstreckenangriffe auf Russland fliegen. Man darf Moskau nicht angreifen, hätte aber die Möglichkeit dazu. Das ist ein wichtiges Druckmittel im Sinne der Abschreckung", so Hirsiger.
Dementsprechend fallen auch die Reaktionen in Russland aus: "Moskau würde die Lieferung als Einmischung der NATO und Moskaus betrachten und hat bereits mit massiven Vergeltungsschlägen gedroht." Ähnliche Drohungen wegen vergangener Waffenlieferungen hatte die russische Armee aber nie in die Tat umgesetzt. Hirsiger geht davon aus, dass dies auch bei einer etwaigen Tomahawk-Lieferung nicht der Fall sein wird.
Insgesamt wertet der Osteuropaexperte Trumps Ankündigung als wichtiges Zeichen, dass sich die USA hinter die Ukraine stellt – womöglich auch mit Symbolwirkung für Europa: "Merz (Anm.: Friedrich Merz, deutscher Bundeskanzler) hatte im Wahlkampf versprochen, die Ukraine mit Taurus-Raketen zu beliefern, seit seinem Amtsantritt ist aber nichts passiert. Eine Lieferung von US-Tomahawks könnte auch bei der deutschen Regierung ein Umdenken auslösen", sagt Hirsiger.
Ein Grund dafür, dass Trump gegenüber Putin plötzlich deutlich härtere Töne anschlägt, sieht er im Verhandlungserfolg, den der US-Präsident im Nahostkonflikt erzielen konnte. Zudem dürften nach Einschätzung Hirsigers auch die europäischen Staaten Druck ausgeübt haben und dies weiterhin tun.
Die erste Lieferung soll laut Insiderberichten nur 20 bis 50 Tomahawk-Raketen umfassen – und müsste zwangsläufig auch die dazugehörigen Abschusssysteme beinhalten, da die Ukraine über keine eigenen Waffensysteme verfügt, von denen die über fünfeinhalb Meter langen Raketen gestartet werden können. Je nach Ausführung verfügen die Tomahawks über einen konventionellen, 450 Kilogramm schweren Sprengkopf oder einen Streumunitionssprengkopf. Die Langstreckenraketen können auch mit Nuklearsprengköpfen bestückt werden, wovon die Ukraine aber keine erhalten wird.
Dies hat den ehemaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew nicht daran gehindert, der NATO angesichts der möglichen Lieferung mit einem Atomkrieg zu drohen: Moskau werde demnach nicht in der Lage sein, Tomahawks mit konventionellen Sprengköpfen von solchen mit Nuklearsprengköpfen zu unterscheiden, und behalte sich daher das Recht vor, wie bei einer nuklearen Bedrohung zu reagieren.