Länger arbeiten statt früher in Pension gehen? Für AMS-Chef Johannes Kopf führt an dieser Debatte kein Weg vorbei. In der ORF-"Pressestunde" am Sonntag machte er deutlich, dass Österreich angesichts der demografischen Entwicklung über ein höheres Pensionsantrittsalter nachdenken müsse. Dabei nahm er auch die Politik in die Pflicht.
"Irgendwann schlägt Mathematik Ideologie", erklärte Kopf. Die Verantwortlichen müssten sich auch an schwierige Entscheidungen heranwagen: "So unangenehm das ist: Politik muss halt auch Notwendiges tun und nicht nur Populäres. Das ist halt so."
Dass die Diskussion über eine spätere Pensionierung politisch nur schleppend vorankommt, überrascht den AMS-Chef nicht. Seiner Ansicht nach spielt dabei auch das Alter der Wahlberechtigten eine Rolle.
"Der durchschnittliche Wähler bzw. die durchschnittliche Wählerin ist über 50. Das ist ein Alter, wo viele Leute beginnen nachzudenken: 'Wie viel kriege ich denn einmal?'", so Kopf.
Besonders deutlich wurde er beim Thema Zuwanderung. Wer keine ausländischen Arbeitskräfte in Österreich haben wolle, müsse sich laut Kopf auf eine Konsequenz einstellen: "Dann muss man halt selber länger arbeiten."
Eine große Veränderung im Pensionssystem ist laut Kopf ohnehin schon im Gange. Er bezeichnet die schrittweise Anhebung des Frauenpensionsalters von 60 auf 65 Jahre bis 2033 als "größte Pensionsreform Europas".
Die bisherigen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt bewertet er überwiegend positiv. Zwar sei die Zahl arbeitsloser Frauen über 60 um 7.500 gestiegen, gleichzeitig gebe es in dieser Altersgruppe aber 58.000 zusätzliche Beschäftigte.
Damit seien 88 Prozent des Potenzials in Beschäftigung und zwölf Prozent in Arbeitslosigkeit geflossen. Besonders bemerkenswert sei für Kopf, dass diese Entwicklung trotz der wirtschaftlichen Rezession stattgefunden habe.
Ein weiteres Problem sieht Kopf beim Umgang mit älteren Arbeitskräften. Während Menschen über 60 in Unternehmen häufig als erfahrene Führungskräfte oder Fachleute geschätzt würden, ändere sich die Wahrnehmung schlagartig, sobald sie ihren Arbeitsplatz verlieren.
Diesen Widerspruch bezeichnete er als "Absurdität" und sprach von einem "Instant-Ageing-Effekt". "Dann sind die Leute alt und man braucht sie nicht mehr." Auch für Unternehmen, die über fehlendes Personal klagen, hatte Kopf eine deutliche Botschaft: "Wer keine Älteren nimmt, der hat keinen Arbeitskräftemangel."
Weniger dramatisch beurteilt der AMS-Chef derzeit die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz auf den Arbeitsmarkt. Weder in Österreich noch in anderen OECD-Staaten seien bisher größere Veränderungen erkennbar. "Bisher ist nichts passiert", stellte Kopf fest.
Eltern empfiehlt er dennoch, bei der Berufswahl ihrer Kinder verstärkt über eine Lehrausbildung nachzudenken. Viele handwerkliche und praktische Tätigkeiten könnten nicht einfach von Künstlicher Intelligenz übernommen werden. "Die Jobchancen von Menschen mit Lehre sind besser denn je", betonte der AMS-Chef.
Kopf spricht sich außerdem für eine zusätzliche Ausbildungsmöglichkeit nach der Matura aus. Mit dem Modell "Lehre nach Matura" sollen junge Menschen auch nach dem Schulabschluss eine berufliche Fachausbildung absolvieren können.
Dass eine Lehre nach der Matura häufig als Rückschritt betrachtet werde, hält er für falsch. Gleichzeitig kritisiert er, dass an Gymnasien zu wenig über Lehrberufe informiert werde.
Doch auch die Betriebe sieht Kopf in der Verantwortung. Besonders Unternehmen, die nicht von ihren Eigentümern geführt werden, würden vergleichsweise selten Lehrlinge ausbilden.
In Wien verschärft sich die Situation zusätzlich durch das geringe Angebot an Ausbildungsplätzen. Laut Kopf kommen in der Bundeshauptstadt auf jede offene Lehrstelle sechs Bewerber.
Ein besonders drängendes Problem bleibt für den AMS-Chef die hohe Zahl der Langzeitarbeitslosen. Nach drei Jahren Rezession ist mittlerweile jeder dritte Arbeitssuchende bereits länger als ein Jahr ohne Beschäftigung.
Um diese Menschen wieder dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu integrieren, brauche es laut Kopf vor allem kräftiges Wirtschaftswachstum. Auch staatliche Maßnahmen könnten helfen, allerdings seien die finanziellen Möglichkeiten angesichts der hohen Staatsverschuldung derzeit begrenzt.
Handlungsbedarf ortet Kopf zudem bei der Zusammenarbeit zwischen AMS und den zuständigen Stellen für Sozialhilfe. Lehne jemand eine zumutbare Beschäftigung ab, dauere es in vielen Bundesländern zu lange, bis die zuständigen Behörden reagieren.
Zudem erhalte das AMS häufig keine Rückmeldung darüber, ob tatsächlich Sanktionen verhängt wurden. Gemeinsam mit den Ländern soll die Zusammenarbeit deshalb verbessert werden.
Auch beim Austausch mit dem Integrationsfonds sieht Kopf Schwierigkeiten. Die Qualität der angebotenen Deutschkurse beurteilt er mittlerweile allerdings besser als früher. Hier habe es "deutliche Verbesserungen" gegeben.
Während Kopf bei Künstlicher Intelligenz vorerst keine dramatischen Folgen für den Arbeitsmarkt erkennt, hält er Reformen beim Pensionsalter und im Umgang mit älteren Arbeitslosen für notwendig. Besonders die hohe Langzeitarbeitslosigkeit bereitet ihm Sorgen.