Österreich kämpft aktuell mit hoher Arbeitslosigkeit. Doch in einigen Jahren könnte sich das Blatt dramatisch wenden. Johannes Kopf, Chef des Arbeitsmarktservice (AMS), warnt vor einem massiven Arbeitskräftemangel, der ganze Regionen in Österreich treffen könnte.
Grund ist die demographische Entwicklung, die Bevölkerung wird älter, schrumpft. Laut einer AMS-Analyse werden Österreich bis zum Jahr 2050 rund 120.000 Fachkräfte fehlen.
Allein durch die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte lasse sich das Problem nicht lösen, so der AMS-Chef. Über die Rot-Weiß-Rot-Karte kämen "nicht annähernd" genug Arbeitskräfte nach Österreich.
Für Kopf ist klar: Österreich müsse sein vorhandenes Arbeitskräftepotenzial besser nutzen. Menschen sollen länger arbeiten, häufiger Vollzeit statt Teilzeit beschäftigt sein. Wobei Kopf hier eindringlich auf die Notwendigkeit hinweist, dass die Kinderbetreuung tatsächlich flächendeckend ausgebaut werde – "sonst ist es in vielen Familien gar nicht möglich, zwischen Teilzeit- oder Vollzeit-Arbeit zu entscheiden".
Auch junge Arbeitslose und Geflüchtete müssten besser ausgebildet werden. "Wir müssen an all diesen Schrauben drehen", betont Kopf.
Viele in der Politik hätten das Problem der Demographie "noch nicht ansatzweise verstanden". An einer Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters – etwa von 65 auf 67 Jahre – werde auf Dauer kein Weg vorbei führen, so der AMS-Chef. "Irgendwann schlägt Mathematik die Ideologie", sagt er klipp und klar. Die Politik müsse "auch Notwendiges tun, nicht nur Populäres".
„Wer keine Älteren nimmt, hat keinen Arbeitskräftemangel.“Johannes KopfAMS-Chef
Allerdings haben es spätestens über 60-Jährige bereits jetzt schwer, nach einem Jobverlust wieder eine Arbeit zu finden. Kopf bezeichnete es als "Absurdität", dass Menschen über 60 in Unternehmen oft als erfahrene Mitarbeiter geschätzt seien – kaum würden sie die Arbeit verlieren, gäbe aber einen "Instant Aging"-Effekt: "Dann sind die Personen plötzlich alt und keiner will sie einstellen."
Hier hat Kopf auch eine klare Botschaft für Betriebe, die über Mitarbeitermangel klagen: "Wer keine Älteren nimmt, hat keinen Arbeitskräftemangel."
Gefragt nach Veränderungen auf die Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz (KI) erklärte Kopf, bisher sei am Arbeitsmarkt noch nichts passiert. Er wies darauf hin, dass insbesondere Fachkräfte aus Handwerksberufen fehlen – "das kann KI nicht".
In diesem Zusammenhang appellierte Kopf eindringlich: "Wir brauchen wieder mehr Lehrlinge." Die Jobchancen für Menschen mit Lehrabschluss seien besser denn je. Der AMS-Chef plädierte für ein neues Ausbildungsmodell – und zwar "Lehre nach Matura".
In Gymnasien werde viel zu wenig über die Möglichkeit der Lehrausbildung informiert. Dass eine Lehre nach der Matura vielfach als Rückschritt gesehen werde, sei schlicht falsch.