Geschätzte 225.000 Katzen leben derzeit im Wiener Stadtgebiet, weit mehr als jede andere Haustierart. Journalistin und Autorin Janina Lebiszczak (50) durchstreifte gemeinsam mit Fotograf Leander Höfler auf der Suche nach im Grätzl bekannten Samtpfoten die Straßen der Stadt.
Geordnet nach den 23 Bezirken erzählt sie in "Miezen im Mezzanin. Ein Wiener Stadtporträt in 23 Katzen" (Molden Verlag, 25 Euro) komische, berührende und überraschend informative Geschichten über lokale Kat-zenstars, Streuner, Therapie-Katzen und verschwundene Samtpfoten – und stellt dabei die Stadt von einer völlig neuen Seite vor.
Die Autorin ist eine ausgewiesene Samtpfoten-Anhängerin: "Ich liebe die Mischung aus Freiheit und Anhänglichkeit – Katzen sind kleine Hausschamanen. Ich bin allerdings eine spätberufene Katzen-Närrin. Vor über 13 Jahren kam 'Wagner' in mein Leben. Er war kein Schmusekätzchen, sondern ein ziemlich kratzbürstiges Findelkind im Mistkübel. Nach dem Tod von 'Wagner' lebt noch 'Flauschi' bei mir, ihre Persönlichkeit ist durchaus ausreichend", berichtet Lebiszczak im "Heute"-Gespräch.
In ihrem Buch porträtiert die Journalistin bewusst keine reinen Stubentiger, sondern Tiere, die Teil des öffentlichen Lebens sind – Ladenkatzen, Stallkatzen, Streuner oder heimliche Bürochefs. Lebiszczak zeigt, wie Katzen Menschen verbinden, Grenzen zwischen Milieus überschreiten und gleichzeitig das Wesen der Stadt widerspiegeln – ein bisschen eigenwillig, manchmal grantig, aber voller Charme.
So ist etwa Katze "Baby" im vierten Bezirk längst eine lokale Berühmtheit. Die weiß gefleckte Katze lebt mit Jenny und Max in einem Gemeindebau im Karolinenviertel und bewegt sich dort selbstbewusst durch Stiegenhaus, Innenhof und Parkanlagen. Für die Bewohner ist sie fast so etwas wie eine "Hausmeisterin des Gemeindebaus", die alle kennt und von vielen beobachtet wird.
"Babys" Geschichte begann dramatisch: Als junges Kätzchen wurde sie im Prater ausgesetzt und von Jenny gerettet. Trotz ihrer Vergangenheit ist sie heute eine abenteuerlustige Freigängerin, die gerne auf Bäume klettert, Spaziergänge mit Geschirr und Leine macht und manchmal sogar auf den Schultern ihrer Menschen durch das Grätzel getragen wird. Für Jenny und Max ist klar: Die Katze ist längst ein gleichberechtigtes Mitglied ihres ungewöhnlichen Dreiergespanns.
Ganz anders lebt eine Katze, die offiziell gar keinen Namen hat. Am Zentralverschiebebahnhof Kledering in Favoriten streift sie seit vielen Jahren zwischen Schienen und Rangierloks umher. Die Eisenbahner nennen sie mal "Katze", mal "Murli", "Chefin" oder "Bärli" – und betrachten sie als festen Teil ihres Arbeitsalltags.
Die Gleiskatze hat sich ihren Platz in der rauen Welt des Güterbahnhofs selbst erobert. Zwischen Dieselgeruch, Stahlrädern und Nachtschichten patrouilliert sie über das riesige Areal, jagt Mäuse und Ratten und sorgt so ganz nebenbei für gute Stimmung im Team. Für die Mitarbeiter ist sie mehr als nur ein Tier: eine Art Maskottchen, über das sogar Menschen sprechen, die sonst kaum miteinander reden.
In Meidling wiederum gehört der Alltag eines Installateurbetriebs einer Katze namens "Bulut". Der stattliche Siamkater begleitet dort jeden Morgen den Arbeitsbeginn und bewegt sich zwischen Büro, Gehsteig und Park wie ein selbstverständlicher Teil des Geschäfts.
Der Name bedeutet auf Türkisch "Wolke" – und passt zu seiner Herkunft: "Bulut" kam ursprünglich über einen Monteur zur Firma, blieb aber schließlich bei dem Familienbetrieb. Heute ist er fester Bestandteil der Werkstatt und sorgt laut den Mitarbeitern sogar für bessere Stimmung im Büro. Mit seinem karierten Mascherl und einem Namensschild ist er im Grätzel längst bekannt und wird von vielen Fans besucht.
Auch im Tiergarten Schönbrunn arbeiten Katzen – wenn auch inoffiziell. "Frida" und "Pablo" streifen nachts rund um das Elefantenhaus durch den Zoo und übernehmen dort eine wichtige Aufgabe: Sie halten Mäuse und andere Schädlinge in Schach. Seit mehreren Jahren gehören sie zum nächtlichen Leben des Zoos. Trotz ihres unabhängigen Lebens gelten sie für Tierpflegerin Jenny längst als Kollegen – selbstständig, aber gleichzeitig verschmust und vertraut.
Mit Humor, Beobachtungsgabe und vielen liebevollen Details zeigt Janina Lebiszczak, dass man Wien auch auf Samtpfoten entdecken kann. Wer Katzen liebt oder einen neuen Blick auf die Stadt gewinnen möchte, findet hier ein ungewöhnliches, charmantes Porträt der Donaumetropole.