Mikroplastik ist längst im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen. Doch bei der Frage, wo die winzigen Plastikteilchen tatsächlich entstehen, liegen Gefühl und Fakten teilweise weit auseinander.
Das zeigt eine aktuelle Online-Umfrage des bündnis mikroplastikfrei unter 450 Personen. Rund 80 Prozent halten das Thema für "eher" oder "sehr wichtig". Nur rund vier Prozent geben an, sich damit noch gar nicht beschäftigt zu haben.
Bei den beiden großen Quellen landet die Bevölkerung erstaunlich nah an der wissenschaftlichen Realität: 78 Prozent nennen synthetische Kleidung, 57 Prozent den Abrieb von Autoreifen.
Tatsächlich gehören beide zu den bedeutendsten Quellen. Nur die Reihenfolge stimmt nicht: Laut einer Konsortialstudie des Fraunhofer-Instituts UMSICHT ist Reifenabrieb die mit Abstand größte Quelle des in die Umwelt gelangenden Mikroplastiks. Synthetische Textilien folgen ebenfalls weit oben. Laut einer IUCN-Studie entfallen global rund 35 Prozent des primären Mikroplastiks in den Ozeanen auf synthetische Textilfasern.
Danach wird es allerdings spannend. 55 Prozent der Befragten halten Verpackungen für eine der größten Mikroplastikquellen, 43 Prozent nennen Kosmetik. Wissenschaftlich sieht das ganz anders aus. Kosmetik landet in der UMSICHT-Mengenbilanz erst auf Rang 17. Verpackungen wiederum sind vor allem beim sichtbaren Plastikmüll ein großes Problem – als Quelle von Mikroplastik spielen sie eine deutlich kleinere Rolle.
Der Grund für die Fehleinschätzung liegt offenbar auf der Hand: Was sichtbar ist, bleibt stärker im Kopf. Die Plastikverpackung im Supermarkt, das Kosmetikprodukt im Badezimmer oder das Polyester-Shirt lassen sich unmittelbar greifen und ersetzen.
Weniger sichtbar ist hingegen, dass bei jedem Kilometer Reifenabrieb entsteht. Und das Problem könnte sich durch den Trend zu immer schwereren Fahrzeugen weiter verschärfen. Besonders Elektroautos bringen wegen ihrer Batterien häufig mehr Gewicht auf die Waage als vergleichbare Verbrenner. Schätzungen zufolge kann das den Reifenverschleiß um rund 20 bis 50 Prozent erhöhen, heißt es seitens des bündnis mikroplastikfrei.
Abriebärmere Reifen gibt es bereits. Doch die Entwicklung hat einen Haken: Weniger Abrieb kann derzeit teilweise zulasten der Nasshaftung gehen – und damit der Verkehrssicherheit. Neue Materialien sollen diesen Zielkonflikt lösen. Breitenwirksam durchgesetzt haben sie sich aber noch nicht.
Isabelle Weigand, Geschäftsführerin des bündnis mikroplastikfrei, sieht in den Umfrageergebnissen trotz der Wissenslücken ein positives Signal: "Die Menschen sind alarmiert und liegen bei den großen Verursachern gar nicht so falsch." Allerdings bekämpfe man die größte Quelle nicht mit individuellem Verzicht, sondern mit politischen Rahmenbedingungen, so Weigand.
Gefordert werden verbindliche Vorgaben für abriebärmere Reifenmaterialien. Die ab Juli 2028 geltenden Euro-7-Grenzwerte für Reifenabrieb seien zwar ein erster Schritt, müssten aber ambitioniert genug sein, um echte Innovation bei den Materialien anzustoßen. Zusätzlich brauche es öffentliche Forschungsförderung, damit geringer Abrieb und sichere Reifen gemeinsam möglich werden.
Auch die Umfrage selbst zeigt: Das Problembewusstsein ist groß – und damit auch der Wunsch nach Veränderung. 37 Prozent wünschen sich einfache Alternativen für den Alltag. Mehr als ein Viertel, nämlich 26 Prozent, spricht sich ausdrücklich für zusätzliche Vorgaben und Regeln aus.