Georg Härtinger ist seit 1. Oktober 2024 Militärkommandant von Niederästerreich, er absolvierte Einsätze im In- und Ausland, war über drei Jahrzehnte in der Garnison Mautern in verschiedenen Funktionen tätig. Im "Heute"-Interview spricht er über brennende Themen.
"Heute": Herr Militärkommandant: Das Bundesheer kämpft mit weniger Personal, aber viel mehr Bedrohungen – ist Österreich überhaupt ausreichend verteidigungsfähig?
NÖ-Militärkommandant Georg Härtinger macht gleich zu Beginn klar, dass das Bundesheer noch stark auf alten Strukturen basiert: "Das Bundesheer wurde im Wesentlichen nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet." Doch die sicherheitspolitische Realität habe sich seither massiv verändert. Vor allem Cyberraum, Weltraum und Informationskrieg seien neue entscheidende Faktoren.
Klar sei: "Wir liegen im Bereich der Babyboomer-Jahre. Im Militärkommando-Bereich in NÖ geht rund ein Drittel des Personals in den nächsten fünf Jahren in Pension. Wir haben auch ein Drittel weniger Kasernen und Gerät, es gibt also einen großen Aufholbedarf."
"Heute": Wie ist es um die Rekruten-Anzahl bestellt? Droht dem Bundesheer der Nachwuchs auszugehen?
Härtinger: "Wir hatten in den 1970er-Jahren in NÖ rund 8.000 Rekruten pro Jahr, jetzt sind es nur noch rund 3.500." Ein zentraler Grund dafür ist die Bevölkerungsentwicklung: "Die demografische Entwicklung Österreichs führt dazu, dass immer weniger Wehrpflichtige überhaupt zur Verfügung stehen." Das Problem wird sich in den kommenden Jahren weiter zuspitzen.
"Heute": Mit welchen größten Bedrohungen ist Österreich aktuell konfrontiert?
Härtinger: "Die drei vornehmlichen Bedrohungen sind derzeit Desinformation, etwa Cyberattacken, der Klimawandel und die Instabilität an unseren Randzonen Europas."
"Heute": Sie sprechen sich fachlich für eine Verlängerung des Wehrdienstes aus – sechs Monate reichen nicht aus?
Härtinger stellt klar, dass die aktuelle Dauer zu kurz ist: "Mit den sechs Monaten werden wir einen Soldaten so weit bekommen, dass er das, was er tun soll, beherrscht." Für moderne Anforderungen sei das jedoch nicht ausreichend. Das größte Defizit sieht er im Einsatztraining: "Das Zusammenwirken aller Elemente für einen Einsatz, das ist nicht erreichbar in dieser Zeit."
Gerade dieses Zusammenspiel sei im Ernstfall aber entscheidend.
"Heute": Welches Modell – nach den Ergebnissen der Wehrdienstkommission präferieren Sie?
Härtinger: "Ich präferiere das sogenannte ,Österreich Plus‘-Modell, also acht Monate Grundwehrdienst plus zwei Monate Milizübungen."
"Heute": Soll es dazu eine Volksabstimmung geben?
Härtinger: "Das ist eine Sache der Politik. Wesentlich ist, dass diese Reform jetzt rasch kommt. Es ist wichtig, die Miliz wieder aufzubauen."
"Heute": Das Stg 77 ist jene Waffe, mit der auch ich noch den Wehrdienst absolvierte. Welche Waffen kommen heute zum Zug und welche Investitionen sind prinzipiell in NÖ geplant?
Härtinger: "Es geht darum, die Schutzausrüstung zu verbessern. Wir führen derzeit das neue Sturmgewehr ,Nightfighter‘ ein, letztes Jahr wurden rund 1.000 Stück in NÖ ausgeliefert. Dazu kommen Radpanzer, neue Hubschrauber. Und: Im Bereich der Infrastruktur fehlt es fast in jeder Garnison."
"Heute": Finnland und Schweden gaben ihre Neutralität auf und wagten den Schritt in die NATO. Soll auch Österreich der NATO beitreten?
Härtinger: "Die Neutralität ist eine Art Staatsnarrativ, daher stellt sich die Frage eines Beitritts zur NATO nicht."
"Heute": Frauen verpflichtend zur Stellung – halten Sie diese Möglichkeit für vorstellbar?
Härtinger: "Ein Schritt wäre, den Bereich der Stellung für Frauen zu öffnen. Letztes Jahr haben wir bei einer Person Blutkrebs diagnostiziert. Die Stellung als medizinischer Check – die Möglichkeit haben Frauen nicht."