Der Horrortrip begann vor zwei Jahren. Mit damals zwölf Jahren glaubte Neela (Name von der Redaktion geändert), auf Snapchat eine neue Bekanntschaft gemacht zu haben. Ein vermeintlich 14-jähriges Mädchen namens Mia hatte sie hinzugefügt, das berichten die Vorarlberger Nachrichten (VN).
Doch hinter dem Profil steckte kein Mädchen, sondern ein erwachsener Mann. Er gewann das Vertrauen der damals Zwölfjährigen und verlangte schließlich intime Bilder von ihr.
Obwohl Neela mehrfach ablehnte, ließ der Mann nicht locker. "Ich habe mich richtig dafür geschämt und mich komplett zurückgezogen", erzählt die heute 14-Jährige den VN.
Dann wurde die Situation noch bedrohlicher. Der Mann fand über die Snap-Map heraus, wo sich Neela befand, und drohte ihr. Das Mädchen blockierte den Kontakt. Die Angst aber verschwand nicht. Neela erzählte niemandem, was passiert war.
Erst wenig später erfuhr ihre Familie von dem Fall. Post vom Landeskriminalamt Bregenz traf ein, Ermittler kamen zu ihnen nach Hause. Neela lauschte dem Gespräch hinter einer Tür: "Ich habe hinter der Tür gelauscht und nur das Wort 'Opfer' gehört", erzählt sich den VN. Erst da wurde ihr bewusst, dass sie Opfer von Cyber-Grooming geworden war.
Es folgten eine Prozessbegleitung und später ein Gerichtsverfahren. Der Täter wurde zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Das Gericht sprach Neela außerdem Schadenersatz zu, den sie mit ihrer Volljährigkeit erhält. Doch mit dem Urteil waren die Folgen für die damals Zwölfjährige nicht vorbei.
Aus der psychischen Belastung entwickelte sich bei ihr ein gestörtes Essverhalten. Neela bekam große Ängste rund ums Essen. Ihr Umfeld bemerkte lange nichts davon. "Ich habe es niemandem gesagt", erzählt sie den VN.
Verletzende Kommentare aus ihrem Umfeld belasteten sie zusätzlich. Beim Schwimmen sagte eine ehemalige Freundin zu ihr: "Ob es eigentlich nicht peinlich für mich sei, weil ich Dehnungsstreifen in meinem Alter habe ..."
Ein anderer Satz blieb ihr ebenfalls im Gedächtnis: "So fett, wie du bist, wundert es mich nicht, dass dein Crush dich nicht will."
Auch soziale Medien verschärften Neelas Probleme. Auf TikTok sah sie immer wieder Body-Shaming-Videos wie "Stop Eating You Fatty". Dazu kamen Inhalte selbst ernannter "Gesundheitscoaches".
Statt ihr zu helfen, verstärkten solche Inhalte ihren Selbsthass und den Druck, immer weniger zu essen.
Schließlich begann Neela, sich selbst zum Erbrechen zu bringen. Selbst ein gewöhnlicher Einkauf mit ihrer Mutter wurde für die Jugendliche zur Belastung. Als sie eigentlich nur Schokolade kaufen wollte, kreisten ihre Gedanken sofort um die Kalorien.
"Das Erste, was ich gedacht habe, war: Scheiße, wie viele Kalorien hat das jetzt?", erinnert sie sich.
Zunächst wollte Neela keine Therapie. Später änderte sich das. "Ich habe Hilfe gebraucht", sagt sie heute. Über eine Beratungsstelle bekam sie Unterstützung und lernte, mit ihren Ängsten und Panikattacken umzugehen.
Ein Schulworkshop über Cyber-Grooming wurde schließlich zum Wendepunkt. Dort sprach Neela erstmals offen über ihre Erlebnisse. "Ich habe eine richtig krasse Unterstützung von Lehrern, Eltern und den Schülern gekriegt."
Heute ist Neela 14 Jahre alt und erzählt ihre Geschichte öffentlich. Sie will andere Jugendliche vor den Gefahren im Internet warnen. "Ihr seid alle perfekt, wie ihr seid – egal, wie viel ihr wiegt oder wie ihr ausschaut. Ihr seid gut, so wie ihr seid. Und passt auf im Internet, weil es oft sehr scheinheilig ist."