Eine neue Studie der Stadt Wien sorgt für helle Aufregung. Laut dieser stimmen 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen der Aussage zu, dass die Vorschriften ihrer Religion über den Gesetzen in Österreich stehen.
46 Prozent der muslimischen Befragten sind außerdem der Meinung, dass man bereit sein müsse, "für die Verteidigung seines Glaubens zu kämpfen und zu sterben". "Heute" berichtete ausführlich über die Ergebnisse der Studie.
"Heute" hat die brisanten Ergebnisse genauer analysiert und mit Studienleiter Kenan Güngör gesprochen. Der renommierte Soziologe und Integrationsexperte beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Migration, Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt in Österreich.
Im "Heute"-Talk spricht Güngör offen über Integrationsprobleme, Radikalisierung und den wachsenden Handlungsdruck in Schulen und Communities. Besonders deutlich wird er beim Thema Selbstkritik: Muslimische Communities müssten "raus aus der Opferrolle".
"Heute": Herr Güngör, die Zahl der Muslime ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen – mittlerweile machen sie rund zehn Prozent der Bevölkerung aus. Wie gut funktioniert Integration in Österreich derzeit eigentlich?
Kenan Güngör: Ein Teil der Muslime ist schon längst integriert, arbeitet und versucht, sich ein besseres Leben aufzubauen. Bei einem anderen Teil verläuft die Integration nicht optimal. Es gibt vor allem im Bildungsbereich weiterhin große Probleme und sie holen die Bildungsdefizite auch in der dritten Generation oft nicht auf.
Durch die Flüchtlingsmigration 2015/16 ist der Anteil der Muslime weiter gestiegen. Viele Geflüchtete fanden zwar Arbeit, häufig aber unter ihrer Qualifikation. Problematisch bleibt vor allem die geringe Erwerbsbeteiligung muslimischer Frauen.
"Heute": Besonders sichtbar ist die Entwicklung in Wien: An den Pflichtschulen gibt es inzwischen mehr muslimische als christliche Schüler. Was bedeutet das gesellschaftlich langfristig?
Güngör: Die starke Zuwanderung konzentriert sich vor allem auf Wien. Dadurch entstehen an manchen Schulen soziale und sprachliche Ballungen. Das eigentliche Problem ist weniger die Zahl muslimischer Kinder, sondern die Konzentration vieler sozial benachteiligter Familien und Schüler an einzelnen Schulstandorten.
„Seit 2015 sind mehr als eine halbe Million Menschen zugewandert. Das löst Überfremdung- und Überforderungsängste aus.“Kenan Güngör
"Heute": Viele Österreicher – gerade auch aus konservativen Kreisen – sehen diese Entwicklung mit Sorge. Halten Sie diese Sorgen für berechtigt oder erleben wir hier teilweise auch eine Überdramatisierung?
Güngör: Ein Teil der Sorgen in der Bevölkerung ist nachvollziehbar. Seit 2015 sind mehr als eine halbe Million Menschen zugewandert und das löst Überfremdungs- und Überforderungsängste aus. Gleichzeitig wird aber oft überdramatisiert und sehr pauschalisiert. Vor allem Kinder dürfen nicht stigmatisiert werden.
"Heute": Ihre Studie sorgt für Aufsehen: 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen sagen, islamische Vorschriften stünden über österreichischen Gesetzen. Fast jeder Zweite meint außerdem, man müsse bereit sein, für seinen Glauben zu sterben. Wie erklären Sie sich solche Einstellungen?
Güngör: Die Studie zeigt, dass muslimische Jugendliche im Durchschnitt häufiger problematische Einstellungen zu Demokratie und Gleichberechtigung haben als andere Gruppen. Wir müssen die Zahlen also definitiv ernst nehmen. Gleichzeitig darf man Aussagen Jugendlicher nicht eins zu eins interpretieren – zwischen provokanten Aussagen und tatsächlichem Verhalten liegt oft ein großer Unterschied.
"Heute": Müssen wir also Alarm schlagen?
Güngör: Es besteht jedenfalls Handlungsbedarf, denn die Zahlen sind bedenklich. Aber es darf keinen falschen Alarmismus und vor allem keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen geben. Entscheidend ist, die unterschiedlichen Ursachen ernst zu nehmen, denn es ist nicht nur die Religion alleine. Integration ist eine komplexe gesellschaftliche Aufgabe.
„Es braucht mehr Selbstkritik innerhalb muslimischer Communities.“Kenan Güngör
"Heute": Braucht es innerhalb muslimischer Communities mehr Selbstkritik und klarere Abgrenzung gegenüber radikalen oder extrem konservativen Strömungen?
Güngör: Es braucht mehr Selbstkritik innerhalb muslimischer Communities. Eltern, religiöse Autoritäten und Verbände müssen sich stärker mit problematischen Einstellungen auseinandersetzen. Die Communities müssen sich selbst fragen, warum die Islamskepsis in Österreich so hoch ist und welchen Anteil auch sie daran haben. Man kann sich nicht nur als Opfer sehen, man trägt zum Teil auch selbst Verantwortung. Wir haben die Situation, dass die Muslime stark abgewertet werden und sie zugleich auch sehr hohe Abwertung haben.
"Heute": Muss man also raus aus der Opferrolle?
Güngör: Natürlich. Viele Gruppen neigen dazu, sich vor allem als Opfer zu sehen. Wir haben sowas wie einen Wettstreit der Opferrollen Diskriminierung existiert, aber man muss auch die eigenen Anteile an gesellschaftlichen Problemen mitreflektieren. Es braucht endlich einen Ruck durch die muslimische Community, damit sie sich selbstkritisch zukunftsorientiert hinterfragt. Da muss man Eltern, das soziale Milieu und die Verbände in die Pflicht nehmen. Es gibt in Teilen eine sehr reaktionäres Religionsverständnis.“
"Heute": Laut Integrationsbarometer sagen zwei Drittel der Österreicher, dass das Zusammenleben zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen schlecht funktioniert. Was müsste jetzt konkret passieren, damit sich dieser Trend wieder umkehrt?
Güngör: Es braucht mehrere Dinge gleichzeitig: mehr Demokratie- und Ethikunterricht in Schulen, aber auch einen glaubwürdigen Impuls aus den muslimischen Communities selbst. Vor allem bei stärker religiösen Gruppen braucht es mehr Selbstkritik und die Bereitschaft, problematische Entwicklungen offen anzusprechen. Gleichzeitig sollten Politik und Medien Probleme klar benennen, aber nicht pauschalisieren oder überdramatisieren.
Ein Großteil der Muslime führt ein normales Leben und trägt zum Wohlstand und Fortkommen der Gesellschaft bei. Wenn Menschen aber ständig das Gefühl bekommen, nur negativ gesehen zu werden, stärkt das wiederum die emotionale Desintegration und die radikalen Kräfte.“