Das hat Ukraine vor

Nächstes Ziel! Drohnen-Mastermind bricht sein Schweigen

Robert Brovdi steht hinter der Drohnen-Offensive der Ukraine. Jetzt enthüllt er in einem seltenen Interview, welche Ziele er im Visier hat.
Newsdesk Heute
30.04.2026, 20:46
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben

Die Ukraine intensiviert ihre Angriffe tief im russischen Hinterland – und setzt dabei immer stärker auf Drohnen. Ein ranghoher Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte macht in einem intimen Einblick deutlich, wie weitreichend diese Strategie bereits ist – und welche Ziele Kiew verfolgt.

"Für den Gegner sind wir wie ein rotes Tuch", sagt der ukrainische Soldat in einem seltenen Interview mit der BBC. Währenddessen machen seine Männer auf einem abgelegenen Feld im Osten des Landes Langstreckendrohnen startklar. Seine Botschaft ist klar: "Wir tragen den Krieg auf ihr Territorium, damit sie ihn ebenfalls zu spüren bekommen."

"Gibt kein 'friedliches Hinterland' mehr"

In den vergangenen Wochen hat die Ukraine ihre sogenannten "tiefen Schläge" massiv ausgeweitet. Besonders im Fokus stehen russische Energieanlagen, allen voran Ölraffinerien und Export-Infrastrukturen. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnet diese Angriffe als "sehr schmerzhaft" für Moskau – mit Schäden in Milliardenhöhe.

Der Chef der ukrainischen Drohnenkräfte, Robert Brovdi, kündigt sogar eine weitere Eskalation an. "1.500 bis 2.000 Kilometer tief in Russland ist kein 'friedliches Hinterland' mehr", warnt er. Ukrainische Drohnen könnten "jederzeit und überall" zuschlagen: "Der freiheitsliebende ukrainische 'Vogel' fliegt dorthin, wann und wohin er will."

Moderne Technik als Schlüssel

Ein Grund für die zunehmende Schlagkraft liegt in der rasanten technologischen Entwicklung. In der Ukraine produzierte Drohnen werden immer günstiger – und leistungsfähiger. Modelle mit Reichweiten von über 1.000 Kilometern sind längst im Einsatz, andere schaffen sogar doppelt so viel. Doch es geht nicht nur um Technik, sondern auch um Strategie: Neben militärischen Zielen sind vor allem Russlands Einnahmequellen ins Visier geraten.

"Putin verwandelt natürliche Ressourcen in Blutgeld, das dann in Form von Shahed-Drohnen und ballistischen Raketen gegen uns eingesetzt wird", begründet Brovdi die Angriffe. Für ihn sind daher auch zivile Energieanlagen legitime Ziele: "Wenn Raffinerien Geld für den Krieg generieren, dann sind sie militärische Ziele, die zerstört werden müssen."

Tötung zählt nur mit Video-Bestätigung

Der Luftkrieg wird aus dem Untergrund heraus geführt. In einem geheimen, unterirdischen Kontrollzentrum überwachen Dutzende Soldaten in Echtzeit die Einsätze. Auf Bildschirmen laufen Live-Übertragungen direkt vom Schlachtfeld, gesteuert von Piloten mit Codenamen wie "KitKat" oder "Antalya", beschreiben die BBC-Reporter ihre Eindrücke vor Ort.

Ukrainische Drohnenpiloten beobachten in einer der Kommandozentralen der Brigade "Chartija" (auch "Khartiia") die Live-Bilder einer Drohne über Kupiansk. Februar 2026.
IMAGO/News Licensing

Die Drohnenstreitkräfte machen nur rund zwei Prozent der ukrainischen Armee aus – laut Brovdi sind sie aber für etwa ein Drittel aller zerstörten Ziele verantwortlich. Die eigenen Verluste sind winzig: unter einem Prozent pro Jahr. Jeder Angriff wird genau dokumentiert und per Video belegt. Treffer werden erfasst, ausgewertet und in einem digitalen Rangsystem registriert – wie in einem Videospiel.

Ein zentraler Bestandteil der Strategie richtet sich gegen die russischen Soldaten selbst. Hintergrund: Die Ukraine hat zunehmend Probleme, eigene Soldaten zu mobilisieren. Brovdi formuliert es nüchtern: Seine Einheiten hätten den Auftrag, monatlich mehr russische Soldaten zu töten, als Russland neu rekrutieren kann – also über 30.000. "Rund 30 Prozent aller Drohnenangriffe müssen sich gegen Personal richten", sagt er. Man könne das durchaus als "Tötungsplan" bezeichnen. Ob diese Zahlen stimmen, lässt sich unabhängig nicht überprüfen. Klar ist aber: Jeder getötete Soldat muss per Video bestätigt werden, sonst "zählt" er nicht.

Vom Unternehmer zum Drohnen-Mastermind

Brovdi selbst hatte vor dem Krieg ein völlig anderes Leben: Der wohlhabende Getreidehändler aus dem westukrainischen Uschhorod gehört der ungarischen Minderheit an, bewegte sich einst in geschniegelten Kunstkreisen und Auktionshäusern. Sein Eintritt in den Militärdienst erfolgte kurz vor der russischen Invasion: "Wir alle wussten, dass Krieg unausweichlich ist". Später wurde Brovdi bei den schlimmsten Schlachten, darunter um Bachmut, eingesetzt.

Sein Einstieg in den Drohneneinsatz begann mit einem Gerät, das ursprünglich für seine Kinder gedacht war. Unter schwerem Beschuss erinnerte er sich daran zurück, ließ ähnliche Geräte an seine Soldaten verteilen. Seine Drohnen stiegen auf, lieferten Live-Bilder russischer Positionen, die daraufhin von der eigenen Artillerie vernichtet werden konnten. "Die Idee entstand ursprünglich aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus", erklärt er. Doch sie veränderte das Schlachtfeld grundlegend, später entwickelte sich daraus sogar eine eigene Drohneneinheit. Sein Rufzeichen wurde im Namen der 414. Brigade verewigt: "Birds of Magyar" – "Vögel von Magyar".

Die Sprache des Kommandeurs wirkt vielleicht auch deswegen oft kühl und kompromisslos. Mitleid sei im Krieg fehl am Platz. "Wenn wir sie nicht töten, töten sie uns", sagt er über russische Soldaten.

Zugleich betont er, dass es ihm nicht um große Offensiven geht. Sein Ziel sei es, den Vormarsch Russlands zu stoppen – nicht unbedingt verlorenes Gebiet zurückzuerobern. "Wir verfügen über eine wirksame Waffe: nicht, einen Angriffskrieg zu führen, sondern zu verhindern, dass der Feind erfolgreich in unser Gebiet vordringt."

Russlands Moral soll brechen

Neben militärischen Erfolgen verfolgt die Ukraine mit den Angriffen auch ein psychologisches Ziel: Moral und Kriegslust in Russland zu brechen. Brovdi hofft, dass brennende Industrieanlagen und steigende Verluste die Bevölkerung zum Umdenken bewegen. Ein Video einer verzweifelten russischen Frau, deren Heimatstadt von Angriffen betroffen ist, ist für ihn nur ein Beweis, dass sein Vorgehen ins Schwarze trifft.

Jede ukrainische Drohne soll mehr und mehr Russen dazu zu bringen, ihren Angriffskrieg und den Präsidenten, der ihn begonnen hat, infrage zu stellen. Ob diese Strategie aufgeht, bleibt offen. Klar ist jedoch, der Drohnenkrieg hat eine neue Dimension erreicht – und das Schlachtfeld längst über die Frontlinien hinaus erweitert.

{title && {title} } red, {title && {title} } 30.04.2026, 20:46
Jetzt E-Paper lesen