Ein Hauch von modernem Esprit statt bröckelnder Löwelstraßen-Optik: Für ihren ersten gemeinsamen Medienauftritt als geschäftsführende SPÖ-Vorsitzende hatten sich Philip Kucher (45) und Eva-Maria Holzleitner (33) eine besondere Location ausgesucht.
Im angesagten Café "&Flora" im Hotel Gilbert in Wien-Neubau sollte schon das Ambiente Aufbruchsstimmung vermitteln. Keine roten SPÖ-Logos, kein starres Pressekonferenz-Setting – stattdessen lockere Kaffeehaus-Atmosphäre. Die Botschaft: Die Sozialdemokratie will sich neu erfinden. "Auf einander zugehen" – dieses Mantra wurde gleich dutzendfach betont. Sie würden die SPÖ "in keiner einfachen Situation übernehmen", gestand Kucher ein.
Er habe "volles Verständnis für alle Leute, die sich darüber ärgern, wie die SPÖ zuletzt nach außen aufgetreten ist", so der Kärntner. Nachsatz: "Aber wir sind gekommen, um die Personaldebatten zu beenden."
Zumindest personell ist der Neustart allerdings noch nicht gänzlich vollzogen. Kucher und Holzleitner betonten einmal mehr, dass sie die Partei nur übergangsweise führen wollen. Im ersten Quartal 2027 soll ein Parteitag die neue Spitze bestimmen.
Dabei hofft Kucher auf möglichst wenig Konkurrenz: Er wünsche sich "einen Parteitag der Einigkeit mit einem Kandidaten". Auch Holzleitner setzt auf Geschlossenheit: "Das Ziel geht in Richtung Einigkeit. Man möchte eine Person, hinter der sich alle versammeln."
Treten mehrere Bewerber an, wäre laut Parteistatut eine Mitgliederbefragung notwendig. Eine Änderung der Regeln ist vorerst nicht geplant. "Aktuell gibt das Statut uns den Handlungsrahmen vor", so Holzleitner.
Die spannendste Frage blieb am Freitag vor Journalisten unbeantwortet: Übernimmt Finanzminister Markus Marterbauer auch den SPÖ-Vorsitz? In weiten Teilen der Partei wird das erhofft. Derzeit hat Marterbauer, der sich aufgrund seiner Krebserkrankung noch einem Chemo-Zyklus im AKH unterziehen muss, lediglich zugesagt, mit Jahresbeginn zusätzlich das Vizekanzleramt zu übernehmen.
„Eva-Maria ist eine Frau, der ich blind vertraue.“Philip KucherKlubobmann (SPÖ)
Was er darüber hinaus vorhabe, müsse Marterbauer selbst entscheiden, erklärte Klubchef Kucher. Auch die künftige Rolle des abgelösten Parteichefs Andreas Babler in der Regierung blieb offen. Über die Zusammensetzung seines Teams werde Marterbauer ("Wie Jürgen Klopp oder Ralf Rangnick") entscheiden.
Zumindest nach außen demonstrierte das neue Führungsduo Harmonie. "Eva-Maria ist eine Frau, der ich blind vertraue", versicherte Kucher. Seine Kollegin wiederum meinte, dass sich "Kärntner Schmäh und oberösterreichische Trockenheit" gut ergänzten.
„Es war das erste Mal seit Jahren, dass wir uns aufeinander zubewegt haben.“Eva-Maria HolzleitnerFrauen-Vorsitzende (SPÖ)
Mit den jahrelangen internen Machtkämpfen soll jedenfalls Schluss sein. Holzleitner übte dabei deutliche Selbstkritik: Man habe es in zehn Jahren perfektioniert, interne Debatten nach außen zu tragen. "Das muss aufhören."
Kucher sieht nach dem entscheidenden Spitzentreffen vom Sonntag bereits einen Wandel: "Dieses Zusammenrücken in der SPÖ war Voraussetzung für uns, die Verantwortung für den Neustart zu übernehmen." Holzleitner sieht das ähnlich: "Es war das erste Mal seit Jahren, dass wir uns aufeinander zubewegt haben." Es müsse aufhören, "Debatten nach außen zu führen". Holzleitner: "Die SPÖ ist eine Partei mit Verantwortung."
In den Neustart sollen möglichst alle roten Granden eingebunden werden. Kucher nannte neben Wiens Bürgermeister Michael Ludwig ausdrücklich auch Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, Ex-Kanzler Christian Kern und Medienmanager Gerhard Zeiler. Mit Letzterem wolle er zeitnah "einen Kaffee trinken" gehen.
Auch inhaltlich soll die SPÖ einen neuen Kurs einschlagen. Kucher kündigte eine "inhaltliche Profilschärfung" an: "Mit neuen Köpfen alleine werden nicht alle Probleme gelöst werden." Im Mittelpunkt soll künftig vor allem das Thema Leistung stehen. Die SPÖ solle ein Gegenmodell zur FPÖ sein: "Eine Veränderung unter Kickl wäre die Zerstörung des Landes – mit Fahndungslisten für Andersdenkende."
Der erste Auftritt im schicken Wiener Café lieferte – in erhöhter Geräuschkulisse, aber das ist die SPÖ ja gewöhnt – damit vor allem eines: neue Bilder und demonstrative Geschlossenheit.
Die zentrale Frage, also wer die SPÖ langfristig führen soll, bleibt dagegen weiter offen.