Tief im russischen Ural verbirgt sich eine Anlage, die selbst einen vernichtenden Atomangriff überstehen soll. Objekt 1335 – Code-Name "Grot" – gilt als eines der wichtigsten Reserve-Kommandozentren der russischen Nuklearstreitkräfte. Nun zeigen umfangreiche Recherchen von Danwatch, der "Times" und dem Dossier Center: Russland hat den geheimen Komplex in den vergangenen Jahren massiv ausgebaut.
Dazu wurden tausende Beschaffungsunterlagen für Arbeiten an der Anlage aus den Jahren 2018 bis 2024 ausgewertet. Die Dokumente belegen Lieferungen von mindestens 22.000 Tonnen Stahl, mehr als 56.000 Tonnen Zement, 600 Kilometern Kabeln und 14.000 Lampen.
Der Bunker liegt tief im Berg Koswinskij Kamen nahe dem abgelegenen Ort Kytlym. Die Anlage wurde bereits zu Sowjetzeiten als besonders geschütztes Kommandozentrum konzipiert.
Im Zentrum steht das russische System "Perimeter". Im Westen ist es vor allem unter dem drastischen Namen "Dead Hand", also "Tote Hand", bekannt.
Perimeter soll dafür sorgen, dass Russland auch dann noch einen nuklearen Gegenschlag auslösen kann, wenn die politische und militärische Führung nach einem Atomangriff ausgeschaltet wurde und herkömmliche Kommunikationswege nicht mehr funktionieren.
Dafür können spezielle Kommandoraketen gestartet werden. Während ihres Fluges übertragen sie Abschussbefehle an noch funktionsfähige Raketeneinheiten und andere Teile der strategischen Nuklearstreitkräfte. Objekt 1335 dient dabei als eines der besonders geschützten Reserve-Kommandozentren.
Das Prinzip gehört zur Logik der nuklearen Abschreckung: Ein Gegner soll davon ausgehen müssen, dass selbst ein überraschender Erstschlag einen vernichtenden Gegenschlag nicht verhindern könnte.
Mit der Modernisierung dürfte Russland vor allem die Überlebensfähigkeit der Anlage erhöht haben. Die enormen Mengen an Stahl, Beton und technischer Infrastruktur deuten auf umfangreiche Bau- und Verstärkungsarbeiten hin.
Laut den ausgewerteten Unterlagen wurden unter anderem elektrische Anlagen, Lüftungssysteme, Transformatoren und Geräte für Arbeiten im Fels beschafft. Die bekannten Zahlen seien dabei lediglich jene Mengen, die sich sicher nachweisen ließen, heißt es in der Recherche.
Der Standort wurde schon zu Sowjetzeiten wegen seiner besonderen geologischen Eigenschaften gewählt. Die Anlage liegt Dutzende bis Hunderte Meter tief im Gestein und wurde darauf ausgelegt, auch unter extremen Bedingungen Kommunikationsverbindungen aufrechtzuerhalten.
Umstritten ist allerdings, was die Bauarbeiten für Perimeter tatsächlich bedeuten. Der Nuklearwaffenexperte Pavel Podvig widerspricht der Darstellung, Russland habe die "Tote Hand" erst jetzt wieder aktiviert. Seiner Analyse zufolge war das System nie vollständig außer Betrieb.
Die neuen Erkenntnisse belegten zwar eine erhebliche Modernisierung von Objekt 1335, aber keine grundlegende Veränderung des russischen Systems für nukleare Befehls- und Kommunikationswege.
Nach einer Chronologie der zuständigen Militäreinheit befindet sich Objekt 1335 seit 2017 im Gefechtsdienst. Schon im Jahr 2000 soll über die Anlage ein realer Startbefehl für eine Topol-M-Interkontinentalrakete übertragen worden sein.
Fest steht: Die Arbeiten an dem strategisch bedeutenden Komplex waren gewaltig. Russische Beschaffungsunterlagen dokumentieren ab 2018 umfangreiche Lieferungen für Objekt 1335. Die ausgewerteten Ausschreibungen reichen bis August 2024.
Hinzu kommen Berichte früherer Angehöriger der russischen strategischen Raketentruppen. In Militär- und Veteranenpublikationen war von Modernisierungen der technischen Fähigkeiten und der Automatisierung von Perimeter die Rede.
Wie weit diese Automatisierung tatsächlich geht, ist öffentlich nicht eindeutig geklärt. Auch die Vorstellung einer komplett selbstständig über einen Atomkrieg entscheidenden "Weltuntergangsmaschine" greift zu kurz: Nach den öffentlich bekannten Beschreibungen handelt es sich um ein komplexes System aus Sensoren, Kommunikationswegen, Kommandozentren und menschlichen Entscheidungen.
Klar ist jedoch: Russland investiert weiter erhebliche Ressourcen darin, seine nukleare Befehlsstruktur selbst für den schlimmsten denkbaren Fall funktionsfähig zu halten.