Patrizia B. (54) leidet am sogenannten Bing-Horton-Syndrom (Cluster-Kopfschmerz) – eine seltene, extrem schmerzhafte neurologische Erkrankung, die durch heftige Schmerz-Attacken gekennzeichnet ist. Die Attacken treten gehäuft in bestimmten Perioden auf, oft zur gleichen Tages- oder Jahreszeit, teilweise über Wochen oder Monate.
In der Bevölkerung – und offenbar auch teilweise in medizinischen Kreisen – ist die Krankheit wenig bekannt. Auch die Wienerin aus Floridsdorf kannte sie bis vergangenen Sommer nicht: "Ich hatte damals sieben Wochen lang, drei bis viermal pro Tag unerklärliche Attacken im Gehirn, die haben mich richtig überfallen. Diese Schmerzen waren nicht von dieser Welt", erinnert sich die 54-Jährige.
Der Zustand von Patrizia B. verschlechterte sich so sehr, dass sie ins Spital musste: "Ich hab' gedacht, ich hab' einen Gehirntumor. Gott sei Dank hatte dort eine super Neurologin Dienst, die die Krankheit diagnostiziert hat. Ich habe dann eine Sauerstoff- und Ampullentherapie bekommen, damit habe ich die Symptome schnell in den Griff bekommen."
Doch die Ärztin teilte ihr auch mit, dass sie immer wieder mit Episoden rechnen muss. Denn das Bing-Horton-Syndrom – umgangssprachlich auch als "Selbstmord-Kopfschmerz" bezeichnet – tritt auch trotz Behandlung immer wieder auf.
"Vor einiger Zeit war es sehr windig, daraufhin habe ich wieder eine Attacke bekommen. Die Schmerzen fühlen sich an, als würde dir jemand von hinten ein Schwert durch das Gehirn rammen. Ich bin zwar arbeitslos gemeldet, der Ordnung halber habe ich mich aber krank gemeldet, da die Episoden Wochen dauern können", berichtet Patrizia B.
Da ein ÖGK-Kontrolleur (Krankenbesuchsdienst) sie zu Hause nicht antraf, warf er ihr einen Brief mit einem Termin für eine medizinische Begutachtung in der ÖGK-Stelle am Franz-Jonas-Platz in den Postkasten: "Ich hab' den Brief am nächsten Tag gefunden – aber der Termin war am gleichen Tag zwischen 7.30 Uhr und 8.30 Uhr. Ich habe dann dort angerufen und meine Situation erklärt, sie haben gemeint, dass ich bis 13 Uhr kommen kann."
Die 54-Jährige machte sich also auf den Weg in die ÖGK-Stelle. Dort wurde sie nach rund 2,5 Stunden Wartezeit schließlich aufgerufen. Doch bei der Begutachtung erlebte Patrizia B. – vor vier Jahren wurde ihr auch ein Fuß zertrümmert – ihr blaues Wunder.
"Der Gutachter saß stumm vor dem Bildschrim, meine Unterlagen lagen vor ihm. Er hat sich alles sehr lange durchgelesen und mich gefragt, was auf der Verordnung (Sauerstoff-Therapie, Anm.) steht. Ich habe alles beantwortet, dann aber zu weinen begonnen, weil ich schon so erschöpft war. Ich habe ihn gebeten, hinausgehen zu dürfen, weil ich einfach nicht mehr konnte. Er hat aber nichts gesagt und offensichtlich meine Krankheit im Internet studiert", erzählt Patrizia B.
Doch der Mediziner kannte offenbar keine Gnade: "Erst hat er mich lange und wütend angeschaut, dann hat er vorwurfsvoll gemeint: 'Suchen Sie sich eine Arbeit, wo das mit Ihrer Krankheit geht.' Daraufhin habe ich gesagt: 'Das ist meine Krankheit. Dafür kann ich nichts.' Und er wieder: 'Ja dafür können wir hier alle nichts.'"
Die Wienerin ärgerte sich aber nicht nur über das Verhalten des Mediziners, sondern auch darüber, dass dieser ihre Krankheit mit Migräne verglich: "Ich habe zu ihm gesagt: 'Ich glaube, Sie wissen nicht, wie fürchterlich diese Krankheit ist. Er daraufhin: 'Ich bin auch Migränepatient.' Dann habe ich ihm erklärt: 'Das ist nicht Migräne, das ist etwas ganz anderes. Und ich kann es unterscheiden, weil ich auch Migränepatientin bin.' Da meinte er nur: 'Sie haben keine Ahnung von der Krankheit.'"
Die Begutachtung endete damit, dass Patrizia B. von der Arbeitsunfähigkeit abgemeldet wurde. Die 54-Jährige ist noch immer wütend darüber, wie sie von dem Arzt behandelt wurde: "Es ist eine Frechheit, dass er 'meine' und 'seine' Krankheit abwiegt und mir erklären will, welche Schmerzen ich habe. Warum muss ich mich für meine Krankheit rechtfertigen?"
"Heute" fragte bei der ÖGK nach: Demnach sei die Versicherte zum Termin verspätet erschienen, wodurch es bedauerlicherweise zu Wartezeiten gekommen sei: "Unabhängig davon tut es uns sehr leid, dass die Untersuchung als unangenehm empfunden wurde. Ein respektvoller und wertschätzender Umgang ist uns ein großes Anliegen. Wir nehmen entsprechende Rückmeldungen sehr ernst und werden den Ablauf intern sorgfältig prüfen", heißt es.