Felix Gottwald ist Österreichs erfolgreichster Olympionike. Er gewann als Kombinierer drei Goldene und sieben Medaillen. Seinen 50. Geburtstag feierte der Triple-Weltmeister nicht groß, lieber schenkte er sich selbst ein Buch. "Beim Überarbeiten brauchte ich die Qualitäten eines Ausdauersportlers", grinst er. Der Titel: "Keine Zeit für Heute"
Für "Heute" nahm sich Gottwald eine Stunde Zeit zum Interview. "Es soll ein Buch fürs Nachtkastl sein, nicht fürs Bücherregal", betont er. Eines war ihm noch wichtig: "Verwende bitte nicht das Wort man beim Schreiben, wir ist besser."
"Heute": In einer Woche starten die Olympischen Spiele: Wie verfolgen Sie den Spitzensport?
Felix Gottwald: "Ich richte meinen Tag nicht nach dem Fernsehprogramm aus. Ich war 20 Jahre lang dabei. Jetzt liebe ich es, wie leicht die Besten Schweres aussehen lassen. Ich beobachte aus der Distanz und höre zwischen den Zeilen zu. Der Spitzensport ist eine Lupe. Wenn in der Welt beschissen wird, ist es im Sport auch so. Für mich passt das Verhältnis oft nicht."
Was meinen Sie damit genau?
"Ein Skispringer wird dafür disqualifiziert, dass ihm sein Ski bei der Schanze herunterrutscht. Ein prominenter Biathlet stirbt wenige Wochen zuvor, weil er den Sauerstoff im künstlichen Höhentrainingslager minimiert, um ein paar Sekunden schneller zu sein. Darüber reden wir aber nicht. Das muss verboten werden. Solche Athleten müssen wir vor sich selbst schützen. Das Rad dreht sich einfach weiter, das finde ich krank."
Welche Sportler begeistern Sie?
"Marco Odermatt. Wie er sich in Kitzbühel nach der Abfahrt im Ziel ärgert und kurz später alles richtig einordnet. Er steht so kompakt im Leben. Er hat ein wohlwollendes Wesen, ist ein Champion des Lebens. Ich bin sicher, dass Abkürzungen auf Dauer nichts bringen. Ich war als Athlet echt und ich bin mir als Athlet des Alltags treu geblieben. Novak Djokovic blieb sich auch immer brutal treu. Ein Salzburger Priester erzählte mir, dass Djokovic Bienenstöcke im Schlafzimmer aufstellt, um bessere Luft zu atmen. Das ist genau das Gegenteil zum Minimieren des Sauerstoffs. Die Besten machen etwas anders."
Apropos: Anna Gasser springt um ihr drittes Olympia-Gold in Serie, kann zur erfolgreichsten rot-weiß-roten Olympionikin werden.
"Mich wundert, wie gesund sie durch ihre Karriere kam. In Österreich steht das System oft im Weg, entstehen Sieger außerhalb davon. Das war bei Hermann Maier so – bei mir auch. Sie begann als Turnerin, ihre multisportive Ausbildung ist langfristig wertvoll. Anna springt mit einem Lächeln dorthin, wo sie als Kind schon hinwollte. Sie hat sich diese Freude bewahrt. Sie genießt es, will nicht, dass es vorbei ist. Das ist die Kunst. Das rate ich jedem, der bei Olympia am Start steht. Erinnert euch an dieses Gefühl, wie ihr als Kind mit eurem Sport begonnen habt."
Wie wichtig ist Sport heute in ihrem Leben?
"Ich liebe Hobbysport – wie technisch richtig langlaufen. Ich möchte meinen Kindern vorleben, dass es normal ist, sich zu bewegen. Wenn eine meiner Töchter grantig ist oder ich selbst, dann gehen wir raus. Es trennt uns nur eine Bewegungseinheit von der besseren Stimmung. Der sportliche Vergleich ist für mich die beste Lebensschule. Das Drumherum hinterfrage ich: Brot und Spiele ist aktueller denn je. Früher war Olympia Kriegsersatz. Ich wünsche mir, diese Zeit kommt wieder. Wer kommt in der TV-Werbung rund um Sportübertragungen vor? Medikamente, Zucker, Versicherungen. Da erkennen wir die Profiteure."
In ihrem Buch schreiben Sie Tagebuch. Warum?
"Ja, als Impulsgeber für den Alltag. Ich will das nicht mit dem Zeigefinger machen, sondern die Leute einladen. Tagebuch schrieb ich schon als Athlet, die Handschrift ist wie Barfußgehen. Mir geht es heute weniger um Weltmeister, sondern wie wir die Welt meistern. Viele Menschen hetzen durch das Leben, struggeln, weil sie das Heute verpassen. Sie wischen das Leben weg, stopfen sich mit Content voll, anstatt präsent zu sein. Nur dort kann ich aber etwas bewirken. Das aktive Schreiben und Reflektieren hilft."
Die globale Lage und Nachrichten deprimieren viele Menschen. Wie viel lassen Sie an sich heran?
"Schon Paracelsus hat gesagt: Die Dosis ist das Gift. Jeder kann für sich selbst entscheiden, ob er besser einschläft, wenn er am Handy vorher wischt oder eigene Zeilen schreibt. Beim Schreiben übernehme ich Verantwortung. Es geht um Echtheit, sich selbst nicht zu verraten, nicht eine Rolle einzunehmen, die man nicht will. Der Mensch wurde dazu verlockt, dass Eigenverantwortung ausgelagert wird. Wir können das Weltgeschehen nicht ändern, aber wir können im Kleinen einen Beitrag leisten. Dann wird auch die Ohnmacht kleiner, die wir spüren. Ich habe zuletzt für die Volksschüler in der Ramsau einen Langlaufparcours gemacht. Wir starteten bei minus 13 Grad in der Früh, mittags hatte es Plusgrade. Alle hatten eine große Gaudi."
Glauben sie noch an die Umsetzung der täglichen Turnstunde?
"Im Jahr 1777 wurde die tägliche Turnstunde erstmals erwähnt. Es gibt bereits einen Regierungsbeschluss, aber es passiert nichts. Ich fürchte, ich werde das nicht mehr erleben. Die Regierung ist für mich nicht relevant. Sie übernimmt keine Verantwortung, tut nur so – davon bin ich gesättigt. Die Regierung wird sich davonschleichen, so wie die Vorgänger auch."
Was wünschen Sie sich?
"Eigenverantwortung. Das beginnt bei jedem Einzelnen. Ein Beispiel sind die Lehrer: Warum bekommen Kinder in Turnen keine Hausübung? Was ist das für eine Botschaft? Es ist logisch, dass es in Mathematik Hausaufgaben gibt, damit wir das Leben mit Zahlen besser meistern. Und beim Turnen? Bei unserem Körper setzen wir auf ein Ersatzteillager, weil es ein gutes Geschäft ist. Psychische Probleme bei unseren Kindern werden mehr. Wir sollten nicht größere Spitäler bauen, sondern Bewegung zur Normalität machen."