Angeborene genetische Varianten, die das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen, sind offenbar deutlich häufiger als bisher angenommen. Das zeigt eine neue Analyse der US-amerikanischen All-of-Us-Studie, die im Fachjournal JAMA veröffentlicht wurde. Demnach trägt jeder 20. Erwachsene in den USA (5,05 %) eine krankheitsrelevante genetische Veränderung in sich, die bereits bei der Geburt vorhanden ist und das Krebsrisiko erhöhen kann. Am höchsten war dies bei Menschen europäischer Abstammung der Fall (5,72%).
Für die Studie sequenzierten die Wissenschaftler das vollständige Genom von 414.830 Erwachsenen. Bei 20.968 Personen fanden sie in 72 bekannten Krebsgenen insgesamt 3.454 krankheitsverursachende oder wahrscheinlich krankheitsverursachende Varianten.
Diese genetischen Veränderungen erhöhen zwar das Risiko für Krebs – sie führen jedoch nicht automatisch dazu, dass eine Erkrankung entsteht. Viele Träger bleiben ihr Leben lang gesund.
Besonders bekannt sind Mutationen in den BRCA-Genen. Bei Frauen können sie das Lebenszeitrisiko für Brustkrebs drastisch erhöhen. Besonders gut untersucht sind Veränderungen im sogenannten BRCA1-Gen. Trägerinnen einer solchen Mutation haben ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko: Während das allgemeine Lebenszeitrisiko für Brustkrebs bei rund 12 Prozent liegt, steigt es mit einer BRCA1-Mutation auf etwa 60 bis 85 Prozent. Auch das Risiko für Eierstockkrebs erhöht sich stark – von etwa 1 Prozent in der Allgemeinbevölkerung auf bis zu 44 Prozent.
Bei Männern mit einer BRCA1-Mutation liegt das Risiko für Prostatakrebs bei rund 29 Prozent, verglichen mit etwa 12 Prozent ohne genetische Veränderung. Dabei genügt bereits eine veränderte Genkopie auf einem der beiden Chromosomen, um das Risiko deutlich zu erhöhen.
Das verbreitetste Krebsgen war in der Analyse das MUTYH-Gen: 1,33 Prozent der Bevölkerung trugen hier eine krankheitsrelevante Mutation. Allerdings ist die damit verbundene Erkrankung – eine sogenannte Polyposis, bei der sich Polypen bilden, etwa im Darm – insgesamt selten. Der Grund: In vielen Fällen müssen beide Genkopien betroffen sein, damit es zu einem hohen Risiko kommt. Die Häufigkeit liegt deshalb nur bei etwa 1:20.000 bis 1:40.000.
Das am zweithäufigsten betroffene Krebsgen war BRCA2. Das Lebenszeitrisiko liegt hier bei 45 bis 69Prozent für Brustkrebs und bei rund 60Prozent für Prostatakrebs. Auf Platz drei folgten Varianten im MITF-Gen, die das Risiko für schwarzen Hautkrebs erhöhen.
Insgesamt waren 26,4 Prozent der Träger solcher Krebsrisiko-Mutationen bereits an Krebs erkrankt. Bei den Teilnehmenden ohne entsprechende Mutationen lag der Anteil bei 19,7 Prozent. Trotzdem betonen die Forscher: Die meisten Krebserkrankungen entstehen nicht durch angeborene Mutationen, sondern durch im Laufe des Lebens erworbene Veränderungen – etwa durch: UV-Strahlung, krebserregende Stoffe, Rauchen oder zufällige Fehler bei der Zellteilung.
Die Studie zeigte auch deutliche Unterschiede beim Alter der ersten Krebsdiagnose – je nachdem, welches Gen betroffen war.
Das niedrigste Durchschnittsalter hatten Träger von Mutationen im STK11-Gen: Im Mittel wurden sie bereits mit 31,4 Jahren erstmals mit Krebs diagnostiziert. Dieses Gen ist mit dem Peutz-Jeghers-Syndrom verbunden – einer seltenen Erbkrankheit, die das Risiko für Krebs unter anderem in Darm, Bauchspeicheldrüse, Brust und Lunge erhöht.
Deutlich später erkrankten hingegen Träger von Varianten im AIP-Gen: Hier lag das Durchschnittsalter bei der ersten Diagnose bei 70,8 Jahren, größtenteils im Bereich des Magen-Darm-Trakts.
Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Angeborene Krebsrisiko-Mutationen sind häufiger als lange angenommen. Das könnte die Bedeutung von genetischer Beratung, gezieltem Screening und individueller Vorsorge in Zukunft weiter erhöhen – vor allem für Menschen mit familiärer Vorbelastung.