Der Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann sorgt für ein politisches und mediales Erdbeben am Küniglberg. Auslöser sind Vorwürfe sexueller Belästigung, die eine ORF-Mitarbeiterin erhoben hat und die sich laut Berichten auf ein angebliches Fehlverhalten zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 2022 beziehen. Weißmann weist die Anschuldigungen zurück, legte sein Amt jedoch mit sofortiger Wirkung nieder, um Schaden vom öffentlich-rechtlichen Sender abzuwenden, wie es hieß.
Nun soll eine rasche und transparente Aufklärung der Vorwürfe erfolgen, während die langjährige Journalistin und Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher vorerst interimistisch die Leitung des ORF übernimmt. Parallel zu den Anschuldigungen werden weitere Details bekannt: Laut ORF-Insidern soll es ein heimlich aufgenommenes Tonband geben, das dem Stiftungsrat zugespielt worden sein soll und für zusätzliche Brisanz sorgt. Gleichzeitig melden sich immer mehr Stimmen aus Politik und Medien zu Wort.
Einige sehen den Rücktritt als notwendigen Schritt, andere kritisieren das Vorgehen rund um die Veröffentlichung der Vorwürfe. Auch innerhalb des ORF ist die Situation angespannt, denn der Sender steht unter Druck, die Vorwürfe lückenlos zu prüfen und Vertrauen zurückzugewinnen. Für zusätzliche Schlagzeilen sorgen Reaktionen aus der Medienwelt: Eine bekannte "ZiB"-Journalistin rechnete öffentlich mit der bisherigen ORF-Führung ab und sprach davon, sich in der Vergangenheit "gedemütigt" gefühlt zu haben.
Auch aus der Politik kommen teils heftige Kommentare – etwa von FPÖ-Politiker Peter Westenthaler, der sich "entsetzt" über die Entwicklungen zeigte. Währenddessen läuft hinter den Kulissen bereits die Diskussion über eine langfristige Nachfolge an der ORF-Spitze, denn nach dem abrupten Abgang Weißmanns steht der öffentlich-rechtliche Sender vor einer der größten Führungskrisen der vergangenen Jahre. Am späten Montagabend nahm Heinz Lederer, ORF-Stiftungsrats-Chef, bei ORF-Moderator Armin Wolf in der "ZIB2" Stellung.
"Der Anwalt der betroffenen Person hat uns noch einmal klargemacht, dass er auf verschiedenen Tonträgern, auch auf SMS und auch in Fotos bestimmte sexualisierte Inhalte sind, und dass hier das Problem eines Übergriffs gegeben sein könnte", schilderte Lederer den Sachverhalt. Es sei dann "um Veränderungen in der Position des Generaldirektors" gegangen, um Geld oder andere Dinge sei es nicht gegangen, versicherte der Stiftungsrats-Chef. Kurz gesagt: Es sei der Rücktritt von ORF-Generaldirektor Weißmann verlangt worden.
Die Vorwürfe seien am Mittwoch bekannt geworden, bis Samstag soll Weißmann eine Frist eingeräumt worden sein, die Vorwürfe mit dem Anwalt der Betroffenen zu klären. "Das hat mich überrascht", so Moderator Wolf, denn der übliche Vorgang in einem Konzern sei wohl bei glaubhaft wirkenden Vorwürfen, dass der Generaldirektor suspendiert und eine Kommission mit externen Experten zur Klärung eingesetzt würde. Es gelte die Unschuldsvermutung, so Lederer, man habe auch überprüfen wollen, ob die Fotos und Aufnahmen manipuliert seien.
Weißmann hätte die Chance bekommen sollen, "sich selbst ein Bild zu machen", so Lederer, zudem sei er bisher völlig unbescholten gewesen. Eine Klärung habe Weißmann "nicht geschafft offenbar" und er sei dann am Samstag "noch einmal in eine Schleife" mit dem Stiftungsrat gegangen, bevor er am Sonntag selbst den Rücktritt angeboten habe. Weißmann hätte selber klären müssen, "in welchem Verhältnis er zu dieser Frau war". "Das hat er nicht gemacht, deshalb hat er die Konsequenz gezogen", so Lederer.
In Ultimatum wie "dann muss er gehen" habe es nicht gegeben, so der Stiftungsrats-Chef. Lederer bezeichnete es als "faire Verhaltensform", dass man Weißmann überprüfen lassen wollte, ob die Ton-, Text- und Bildaufnahmen echt seien, hieß es. "Wir werden das rasch und massiv angehen", so Lederer, der eine Null-Toleranz-Politik verfolgen wolle. Interims-Nachfolgerin Ingrid Thurnher solle den ORF nun "in eine ruhige Zeit bringen". Wolle er auch eine Frau als neue ORF-Chefin? Das sei "ein berechtigter Wunsch", die Ausschreibungskriterien seien "geschlechtsneutral formuliert" und würden "auch Diverse nicht ausschließen dürfen".