Der Paukenschlag kam aus dem Nichts: Montagfrüh verkündete der ORF urplötzlich per Aussendung, dass Generaldirektor Roland Weißmann (57) mit sofortiger Wirkung zurücktritt. Eine Mitarbeiterin soll Vorwürfe der sexuellen Belästigung erhoben haben, was von Weißmann natürlich vehement bestritten wird (es gilt die Unschuldsvermutung).
Wie sein Anwalt Dr. Oliver Scherbaum erklärt, betreffen die Vorwürfe das Jahr 2022. Seitens des Stiftungsrats wurde ihm daraufhin eine Frist von mehreren Tagen gesetzt, inhaltlich sollen die Vorwürfe aber in keinster Weise geprüft worden sein. In der Stellungnahme wird auch ein Zusammenhang zur nahenden Generaldirektorwahl hergestellt.
"Meinem Mandanten liegt bis heute der von der Mitarbeiterin genau vorgebrachte Sachverhalt nicht vor, dennoch war er, um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, zu weitreichenden Zugeständnissen bereit und trat daher (...) mit sofortiger Wirkung von seiner Funktion als Generaldirektor zurück."
Und jetzt? Schon am Donnerstag wird auf Vorschlag der beiden Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer (SPÖ-nah) und Gregor Schütze (ÖVP-nah) die amtierende Hörfunkdirektorin Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des Generaldirektors beauftragt.
Der nächste Generaldirektor muss dann vom Stiftungsrat bestellt werden, dessen größte Gruppe eine Nähe zur ÖVP aufweist (13 von 35). In einem Sideletter zum Koalitionsvertrag wurde außerdem vereinbart, dass die ÖVP das Vorschlagsrecht hat. Das grenzt den Kreis möglicher Kandidaten stark ein.
Einer der ganz heißen Kandidaten ist Alexander Hofer. 1972 geboren, ist er bereits seit 34 Jahren im ORF tätig, aktuell ist er Landesdirektor in Niederösterreich. Zur ÖVP-Machtbasis im "weiten Land" hat er eine ausgezeichnete Gesprächsbasis.
Schon seit Jahren taucht bei ORF-Führungsfragen immer wieder der Name Philipp König auf. Der 1984 Geborene war sechs Jahre im ORF als Jurist tätig und wurde 2018 vom damaligen Medienminister Gernot Blümel (ÖVP) in dessen Kabinett abgeworben. Aktuell ist er Chef des größten Privatradios Kronehit. Zudem ist er immer noch ein enger Vertrauter von "Mr. Message Control" Gerald Fleischmann.
Politisch wäre die Schlagseite dieser Bestellungen eindeutig. Möglich wären deshalb, angesichts des jüngsten Eklats und der stetigen Angriffe gegen den ORF, neutrale Kandidaten. Ingrid Thurnher kennt den ORF in- und auswendig. Wenn sie sich interimistisch gut macht, könnte sie einfach verlängert werden.
Als ein Außenseiter mit guten Chancen gehandelt wird Markus Breitenecker. Der 57-jährige Wiener steht an der Spitze des größten ORF-Konkurrenten ProSiebenSat1Puls4.
Oder es kommt alles anders: Der ORF wird wieder rot und Langzeit-Intendant Alexander Wrabetz feiert sein großes Comeback. Aktuell ist er als "KI-Medienberater" im Team von Wiens Bürgermeister Michael Ludwig in Warteposition. Und immerhin hat auch die aktuelle Revolte unter Stiftungsratsvorsitzenden Lederer eine rote Schlagseite.