Das Rennen um den Chefsessel auf dem Küniglberg ist in vollem Gang. Am Mittwoch hat Lisa Totzauer ihre Bewerbung als neue ORF-Generaldirektorin öffentlich bekannt gegeben. Die erfahrene Managerin positionierte sich dabei als Visionärin, die den Rundfunk aus dem Inneren heraus völlig umkrempeln will. Sie kritisierte die politische Einflussnahme und Netzwerke scharf. 2021 war sie bereits gegen Roland Weißmann um die Wrabetz-Nachfolge angetreten, hatte aber deutlich weniger Stimmen der Stiftungsräte erhalten.
"Die Herausforderung, die die nächste Geschäftsführung hat, sind groß. Jemand muss sie endlich angehen. Ich will einen ORF, in dem konsequent gehandelt wird", hielt die seit 30 Jahren im Haus tätige Fernsehjournalistin. Zwei Jahrzehnte Führungsverantwortung – aktuell ist sie Magazinchefin – hätten sie gestählt: "Ich weiß in der Sekunde, was ich zu tun habe. [...] Es ist jetzt Zeit für Veränderung. Der ORF ist bereit für Veränderung. Und dafür bewerbe ich mich."
Sie tue das nicht, um ein großes Unternehmen zu führen, sondern weil der ORF ein demokratischer Grundpfeiler sei, den es zu retten gelte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse selbst wieder erklärbar machen, wieso er "unverzichtbar" sei, erklärte sie in ihrem Plädoyer: "Wir leben in einer Welt, in der Algorithmen entscheiden, was wir sehen. In einer Welt, in der Despoten entscheiden, was wir glauben sollen. In dieser Welt ist der ORF kein Relikt, sondern die modernste Antwort auf eine wichtige Frage der Demokratie: Wer kontrolliert die Information? Den Tech-Giganten können wir das nicht überlassen."
Dazu müsse sich der ORF zuallererst die Sinnfrage stellen. Totzauer will dafür eine richtungsweisende Vision liefern: "Ohne Vision kann ich nicht entscheiden, was ich verliere und was ich stärke. Das halte ich als eine der wichtigsten Fragen." Erst dann zeige sich, wo begründet Geld ausgegeben und auch gespart werden könne. Das aktuell vorherrschende Gießkannen-Denken will die 56-Jährige sofort abstellen: "Wenn meine Tochter zu mir kommt und sagt 'Lisa, ich brauche 100 Euro', reiße ich nicht gleich die Brieftasche auf."
Ihre Kinder hätten sie auch in ihrer Entscheidung, sich noch einmal für den Generaldirektor-Job zu bewerben, bestätigt. "Du hast eine moralische Verpflichtung", sollen sie gesagt haben. "Meine Mini-Mes fühlen mich anscheinend am besten", scherzte Totzauer vor den versammelten Journalisten.
Doch was, wenn sie auch dieses Mal wieder abblitzt? "Ich habe keinen Plan B und ich brauche keinen Plan B. Ich biete eine Lösung an. Das ist das, wofür ich mich verantwortlich fühle", konstatierte sie abschließend. Einen deutlichen Fingerzeig in Richtung Politik inklusive: "Wäre es so, dass vor dem Ende der Bewerbungsfrist alles ausgemacht ist, spricht das für meine Kandidatur. Es würde zeigen, wo diese Krise liegt, die zu überwinden ist."