Sie ist seit 30 Jahren im ORF, zweifache Mutter, Magistra der Vergleichenden Literaturwissenschaften: Lisa Totzauer (55), aktuell Chefredakteurin Magazine und Servicesendungen (u.a. "Report", "Thema") will – wie von "Heute" berichtet – ORF-Generaldirektorin werden, das machte sie am Dienstag publik. Die Hintergründe:
Nach einem Team-Meeting am Küniglberg schrieb sie ihrer Abteilung (der Programmdirektion 1, Anm.) ein exakt 548 Wörter langes Mail, Titel: "Was mich bewegt". Berichte über Machtmissbrauch, Interventionen und Fehlverhalten im ORF seien "beschämend" und "schockierend".
Sie könne nicht resignieren, so Totzauer. Vielmehr will sie "jetzt Verantwortung übernehmen. Nicht, obwohl es schwer wird, sondern gerade deswegen".
Lisa Totzauer war bereits 2021 gegen Roland Weißmann angetreten – und unterlag mit 5 von 35 Stimmen. Für sie votierten damals Vertreter von FPÖ, Neos und eine Betriebsrätin.
Lisa Totzauers Mail an ihre ORF-Kollegen im Wortlaut:
Liebe PD1,
ich habe Euch ja versprochen, dass ich Euch sagen werde, wenn ich mich entschieden habe, ob ich mich als Generaldirektorin bewerbe. Ich habe Euch heute in einer Sitzung bereits davon erzählt, und schreibe Euch nun auch, damit alle informiert sind.
Ich habe mich entschieden. Ich bewerbe mich.
Mir ist es wichtig, Euch zu schreiben, warum:
Ich arbeite seit 30 Jahren im ORF. Seit zwei Monaten sind wir ununterbrochen damit konfrontiert, was in unserem Unternehmen nicht stimmt. Führungskräfte, die ihre Macht missbrauchen, Belästigung, Interventionen, Fehlverhalten, das lange gedeckt wurde. Alles beschämend, alles schockierend. Und gleichzeitig muss man auch sagen: Einiges davon ist manchen von uns nicht neu, wenn auch nicht klar war, welche Dimension das Ganze hat. Viele wünschen sich schon lange, dass sich im ORF endlich etwas ändert. Dass konsequent gehandelt wird, wenn Menschen sich hier fehlverhalten. Dass wir die moralischen Standards, die wir öffentlich hochhalten, selber einhalten. Dass wir mit den Geldern, die uns anvertraut werden, gut umgehen. Dass das Geld im Programm landet und nicht teilweise in ineffizienten Strukturen versickert. Mir geht es wie vielen von Euch. Mich macht das auch wütend, und ehrlich gesagt auch traurig, dass wir hinter unserem Potential zurückbleiben. Dass sich nichts bewegt. Ich wünsche mir einen ORF, auf den die Bevölkerung wieder stolz sein kann. Und Ihr. Und ich.
Es ist jetzt auch kein Geheimnis, dass ich das schon vor fünf Jahren versucht habe. Ich wollte den ORF damals schon reformieren. Einige Probleme, die wir heute haben, die waren vor fünf Jahren schon da. Deshalb habe ich sehr ernsthaft überlegt: Soll ich es jetzt wirklich noch einmal probieren? Ich habe mit mir gerungen, und mich gefragt, ob eine Person, die wirklich grundlegend reformieren will, am Ende überhaupt durchkommt. Die Antwort, zu der ich gekommen bin: Ja. Aber nur, wenn man es wirklich will. Und ich will es. Ich kann hier nicht sitzen und resignieren und sagen: Es ist so, es bleibt halt so. Und bitte macht Ihr das auch nicht.
Wir können dieses Haus reformieren. Wir sind nicht machtlos. Es kann einen ORF geben, in dem das Programm an erster Stelle steht, wo wir mit relevanten Inhalten über die unterschiedlichsten Ausspielwege alle erreichen, wo sich Frauen und Männer sicher und wertgeschätzt fühlen. Wir müssen uns dafür aber ändern. Ich weiß, wo unsere Stärken liegen, und ich weiß, wo wir besser werden müssen.
Und deswegen bewerbe ich mich. Ich will jetzt Verantwortung übernehmen. Nicht, obwohl es schwer wird, sondern gerade deswegen. Die Herausforderungen, die auf die neue Geschäftsführung zukommen werden, sind groß. Diese Verantwortung muss man wirklich übernehmen wollen. Den ORF muss man wirklich lieben, weil es ein Kraftakt werden wird.
Ich wollte Euch informieren, bevor ich meine nächsten Schritte setze, und ich möchte Euch zum Abschluss noch sagen, dass ich unglaublich stolz auf Euch bin. Auf alle, die täglich ihr Bestes geben, um ein gutes Programm für die Bevölkerung zu machen. Und weil Ihr Euch nicht beirren und beeinflussen lasst. Ihr seid mir eine große Freude. Und ich bin stolz auf meine Sendungsverantwortlichen, die mutig, respektvoll und unabhängig führen.
Ich möchte mich bei jedem einzelnen Menschen bedanken, der mich in den vergangenen Wochen bestärkt hat, diesen Weg zu gehen. Diese Unterstützung bedeutet mir viel. Sie gibt mir Kraft.
Wie immer gilt: Ich halte Euch auf dem Laufenden.
Eure Lisa
Auch am 11.6. wird es nicht einfach für die toughe Journalistin. Unter ihrer Ägide ist der TV-"Report" zuletzt mit neuer Leiterin und neuem Moderator massiv in der Publikumsgunst abgestürzt. Bundeskanzler Christian Stocker präferiert zudem eine Lösung von außen; sein Parteigeneral Nico Marchetti ermutigte APA-Geschäftsführer Clemens Pig (51) via "Presse" zu einer Bewerbung.
Offiziell deklariert hat sich Pig bisher noch nicht. Küniglberg-Insider haben Zweifel daran, ob er überhaupt die Kriterien ("einschlägige Berufserfahrung") erfüllt – so war der Medienmanager bisher in seiner Laufbahn nie im Fernseh- oder Radiobereich tätig. Ex-ORF-Chef Alexander Wrabetz hatte dies einst sogar bei Roland Weißmann geltend gemacht, obwohl der Jahrzehnte im Unternehmen war (u.a. Vize-Finanzchef, Chefproducer).
Auch gewichtige Teile der Volkspartei sehen Pig durchaus kritisch – etwa wegen seiner Nähe zu Babler-Studienautor Andy Kaltenbrunner ("Medienhaus Wien") und hätten lieber Medienprofi Philipp König ("Kronehit") als modernen Manager am Küniglberg-Chefsessel. Der 42-Jährige war einst im Kabinett von Altkanzler Kurz tätig.
Auch Puls-4-Gründer Markus Breitenecker und Warner-Manager Johannes Larcher kursieren im Regierungsviertel immer wieder als mögliche Kandidaten.