Papst Leo XIV. will bei sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche nicht grundsätzlich von einem systemischen Problem sprechen. Nach seiner Frankreich-Reise erklärte das Kirchenoberhaupt am Montag vor Journalisten auf dem Rückflug von Metz nach Rom seine Sicht auf die Missbrauchsfälle.
"Sexueller Missbrauch ist in erster Linie ein menschliches Problem", sagte Leo XIV. Er räumte jedoch ein, dass einzelne Organisationen innerhalb der Kirche zeitweise "als System missbräuchlich gehandelt" hätten.
Gleichzeitig betonte der Papst, dass Missbrauch innerhalb der Kirche eine zusätzliche Dimension habe. Das Glaubensleben der Betroffenen werde dadurch tief verwundet und manchmal sogar zerstört. Deshalb trage die Kirche eine besondere Verantwortung, Opfer zu begleiten und ihnen auf ihrem Weg zu helfen.
Hintergrund der Aussagen ist ein persönliches Treffen des Papstes mit sieben Betroffenen von sexuellem Missbrauch durch Mitglieder der katholischen Kirche. Leo XIV. empfing am Sonntag vier Männer und drei Frauen in Lourdes.
Die Begegnung dauerte knapp zwei Stunden und fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Papst hörte sich die persönlichen Berichte der Betroffenen zunächst einzeln an, später kamen alle Beteiligten zu einem gemeinsamen Gespräch zusammen.
Fünf Teilnehmer traten nach dem Treffen vor die Medien. Sie erklärten, der Papst habe ihnen sehr aufmerksam zugehört. Sie hätten mit ihm auch über strukturelle und systemische Aspekte des Missbrauchs innerhalb der Kirche gesprochen.
„Für ihn ist es klar, dass es einen systemischen Charakter gibt (...) Für ihn sind die Täter Individuen, aber nur die systemische Dimension hat es ermöglicht, dass es immer weitergegangen ist.“Ein Teilnehmer, der als Jugendlicher von einem Priester missbraucht wurde
Leo XIV. habe die Betroffenen dabei gebeten, auch anderen Opfern seine Bereitschaft und jene der Kirche zu vermitteln, ihnen zuzuhören und sie auf ihrem Weg der Heilung zu begleiten.
Der Pontifex machte auf dem Rückflug deutlich, dass er bei der Beschreibung des Problems unterscheiden wolle. Gleichzeitig stellte er die Verantwortung der Kirche nicht grundsätzlich infrage.
Wenn Missbrauch im kirchlichen Umfeld geschehe, müsse die Kirche den verursachten Schmerz anerkennen. Sie habe auch die Aufgabe, dazu beizutragen, dass sich derartige Fälle nicht wiederholen.
Für Leo XIV. soll die Kirche damit nicht nur Verantwortung für vergangenes Unrecht übernehmen, sondern für Betroffene auch ein Ort der Aufarbeitung und Heilung werden.