Die Bilder der jüngsten Hilfsaktion machen deutlich, wie verzweifelt die Lage in Oleschky im Süden der Ukraine mittlerweile ist. Schwere ukrainische Frachtdrohnen überquerten in der Nacht den Dnipro und brachten Lebensmittel und andere dringend benötigte Hilfsgüter in die von Russland besetzte Stadt.
Rund vier Tonnen Hilfsgüter wurden dabei an 100 Stellen in Oleschky abgesetzt. Unter anderem wurden Mehl, Getreide, Öl, Konserven und Brot in die Stadt gebracht. Die Aktion zählt zu den größten Hilfslieferungen dieser Art seit Beginn des Krieges.
Wie dramatisch die Situation ist, schildert Iryna-Ester Vratarjova, Mitbegründerin der Hilfsorganisation Humanity, in der "Taz". Sie hält Kontakt zu Menschen, die noch in Oleschky leben. Seit Mai sei die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen dringend benötigten Gütern praktisch zusammengebrochen. "Das ist ein Genozid", sagt Vratarjova über die Lage.
Vratarjova berichtet von erschütternden Zuständen. Anfang September hätten Menschen aus Oleschky gemeldet, dass ihnen teilweise nur noch wenige Löffel Brei pro Tag blieben. Brot gebe es schon lange nicht mehr.
Andere Berichte zeichnen ein ähnlich dramatisches Bild. Bewohner sollen inzwischen Gras und Unkraut sammeln, um überhaupt etwas essen zu können. In Gruppen tauschen sich Menschen laut Augenzeugenberichten darüber aus, welche Pflanzen und Unkräuter essbar sind und wie sie zubereitet werden können.
Teilweise landet das Grünzeug in Suppen. Im Sommer konnten sich manche Bewohner noch mit Kartoffeln, Tomaten, Zucchini oder anderem Gemüse aus ihren Gärten über Wasser halten. Doch diese Vorräte gehen zur Neige.
Die Vereinten Nationen hatten bereits im Juni vor der verzweifelten Lage der Zivilbevölkerung in den besetzten Frontgebieten der Region Cherson gewarnt. Bewohner berichteten von Lebensmittelknappheit, fehlender medizinischer Versorgung, Drohnenangriffen und Minen, die eine Flucht zusätzlich erschweren.
Wie viele Menschen sich derzeit tatsächlich noch in Oleschky befinden, lässt sich wegen des fehlenden unabhängigen Zugangs nicht genau feststellen. Die ukrainische Regionalverwaltung spricht von knapp 2.000 Bewohnern, darunter rund 50 Kinder. Andere Angaben für die Stadt und das umliegende Gebiet liegen deutlich höher.
Auch der Menschenrechtskommissar des Europarats, Michael O'Flaherty, schlägt Alarm. Zivilisten seien ohne ausreichend Nahrung, Medikamente, medizinische Versorgung, fließendes Wasser und Strom eingeschlossen. Berichte deuteten auf ein hohes Todesrisiko hin. Er fordert eine lokale Waffenruhe, ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe und eine sichere Evakuierung.
Genau deshalb griff die Ukraine nun zu einer ungewöhnlichen Methode. Schwere Frachtdrohnen brachten die Lebensmittel über den Dnipro. Nach Angaben der ukrainischen Regionalverwaltung werden bereits seit März auf diesem Weg Hilfsgüter transportiert.
Bei der jüngsten Großaktion wurden rund vier Tonnen Lebensmittel und andere Hilfsgüter gleichzeitig an 100 Punkten abgesetzt. Die "taz" berichtet, dass die Drohnen nachts flogen und Wärmebildkameras nutzten. Nach ukrainischen Angaben sollten sie so möglichst unbemerkt ihre Ziele erreichen.
Ukrainische Behörden werfen russischen Soldaten vor, Hilfsdrohnen abzuschießen und abgeworfene Lebensmittel zu beschlagnahmen. Der Kreml bestätigt zwar, dass es in Oleschky kritische Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten gibt, weist die Verantwortung dafür aber zurück und macht die ukrainische Seite für Behinderungen der Versorgung verantwortlich.
Die jetzige Lieferung verschafft den Eingeschlossenen womöglich nur etwas Zeit. Nach Angaben eines Vertreters der ukrainischen Regionalverwaltung könnten die Lebensmittel für zwei bis drei Wochen reichen. Ob eine ähnlich große Drohnenaktion wiederholt werden kann, ist unklar.
Besonders gefürchtet ist deshalb der bevorstehende Winter. Dann fällt auch die letzte Möglichkeit weg, Gemüse im eigenen Garten anzubauen.