Erschütternder Arbeitsalltag

Pflegerin berichtet – "Er hält mich vor Angst fest"

Zwei Tote in einer Schicht, kein Arzt greifbar, kein Bett frei. Eine Pflegerin aus OÖ erzählt, warum der erneute Streik notwendig war.
Lea Strauch
16.03.2026, 05:00
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Schon zweimal legten Beschäftigte der OÖ-Ordensspitäler die Arbeit nieder. Grund: die weiter zähen KV-Verhandlungen für das nicht ärztliche Personal, die auch zuletzt scheiterten. Wie berichtet bleibt der Knackpunkt die Arbeitszeit: Die Gewerkschaft vida fordert eine spürbare Entlastung, die 35-Stunden-Forderung wurde auf 37 Stunden bis 2028 geändert.

Am Dienstag streiken die OÖ-Ordensspitäler wieder.
laumat/Matthias Lauber

"Niemand möchte dort arbeiten"

Auch die siebte Verhandlungsrunde scheiterte am Donnerstag. In einem Erfahrungsbericht, der "Heute" vorliegt, schildert eine Pflegerin, warum die Beschäftigten weiter auf Besserung pochen – und was sie seit einem Dienst im vergangenen Winter nicht mehr loslässt.

Seit Corona laufe bei ihnen "Fremdbelegung": Neben den gewohnten Patienten werden auch internistische Fälle mitbetreut – je nach Lage zwischen zwei und acht Betten. "Auf den internistischen Abteilungen gibt es kaum noch Personal. Niemand möchte dort arbeiten – ich verstehe das", sagt sie. An diesem Tag sind es acht internistische Patienten – auf einer 24-Betten-Station, immer voll, nur Vierbettzimmer.

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Alleine im Ausnahmezustand

Dann kippt der Zustand eines Mannes plötzlich: Mittags isst er noch mit Hilfe, am späten Nachmittag ging es rasend bergab. Sie seien keine Akutstation – am Wochenende oder nachts ist kein Arzt fix da. "Wir sind darauf angewiesen, dass der zuständige Turnusarzt telefonisch erreichbar ist" – doch genau das klappt an diesem Nachmittag nicht: Der Mediziner ist wegen eines "extremen Andrangs" in der Notaufnahme festgebunden.

Der Patient gerät in Panik, schreit, schlägt um sich, "versucht uns mit aller Kraft festzuhalten – er hat unendlich große Angst", erzählt sie später. Er fleht verzweifelt: "Ich kann nicht mehr." Die Pflegerin versucht zu helfen: Schmerzmittel, etwas zur Beruhigung – während parallel die Abendrunde noch nicht einmal ansatzweise erledigt ist: Ihre Kollegin geht ins nächste Zimmer, sie selbst bleibt bei dem Mann und versorgt parallel die anderen drei Patienten und Patientinnen.

"Plötzlich erkenne ich – leider zu spät –, dass der Patient im Sterben liegt", erzählt sie. "Er schreit, hält mich vor lauter Angst fest, klammert sich an mich." Der Mann ließ sie nicht mehr los: "Ich berühre sein Gesicht, bin ganz nah bei ihm und sage ihm, dass ich da bin. Dass er nicht allein ist. Dass er es gleich geschafft hat."

Keine Würde unter Zeitdruck

Wenige Sekunden später war er tot. Mit dem letzten Atemzug kommt ein Schrei – ein Moment, den sie bis dahin nur vom Hörensagen kannte. Danach läuft alles weiter wie im Fließband: Betten und Patienten werden verschoben, ein Zimmer für den Leichnam freigemacht. An diesem Abend stirbt noch ein weiterer Patient.

"Er wird zu der anderen Leiche ins Zimmer gebracht. Keine 20 Minuten nach dem Tod des ersten Patienten ist sein Bett aus der Notaufnahme bereits wieder neu belegt." Zu Hause weint sie – wütend auf das System, wütend über die Unwürdigkeit, wütend auf sich selbst, weil sie es früher hätte erkennen wollen, aber unter diesen Umständen nicht konnte. Am nächsten Tag steht wieder eine Zwölf-Stunden-Schicht an.

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