Seit Wochen liegt über Österreich eine markante Luftmassengrenze. Sie trennt vergleichsweise milde Luft im Westen und Südwesten von frostiger Winterluft im Norden und Nordosten. Während in manchen Regionen Plusgrade gemessen werden, herrscht andernorts weiter Frost. Genau das macht die Lage so brisant: Der Winter könnte sich festfahren - oder noch einmal kräftig zulegen.
Verantwortlich ist ein Blockadehoch über Skandinavien. Gleichzeitig schiebt ein Tief vom Atlantik dagegen an, kommt aber kaum nach Osten voran. Über Mitteleuropa prallen die Luftmassen direkt aufeinander - eine klassische Grenzwetterlage. Nach aktuellen Prognosen könnte sie ungewöhnlich lange anhalten, teils über mehr als eine Woche.
Doch was passiert danach? Die Wettermodelle zeigen zwei vollkommen unterschiedliche Wege. Ein Szenario deutet auf eine Rückkehr des Hochwinters hin. Dabei baut sich ein starkes Hoch über Grönland auf, das die Tiefdruckgebiete weit nach Süden drängt. Die derzeitige Luftmassengrenze würde sich Richtung Alpen verschieben - eisige Polarluft hätte freie Bahn nach Mitteleuropa.
Die Folgen wären deutlich spürbar: In vielen Regionen steigen die Chancen auf anhaltende Minusgrade massiv. Auch weiter südlich in Europa wären Frost und winterliche Bedingungen möglich. In diesem Szenario verschärft sich die Lage rund um die Monatsmitte weiter, weil sich der Polarwirbel teilt und kalte Luft aus der Arktis bis weit nach Süden ausbricht.
Auslöser für einen Polarwirbel-Split ist eine plötzliche Erwärmung in der Stratosphäre. Wird der Polarwirbel dadurch instabil, kann er sich verformen oder sogar spalten. Die Kaltluft, die sonst über dem Pol gefangen ist, gelangt dann nach Europa.
Für unsere Breiten würde das unterdurchschnittliche Temperaturen bedeuten, verbreiteten Frost und je nach Strömung auch Schnee. Solche Wetterlagen können mehrere Tage oder sogar Wochen anhalten.
Aktuelle Analysen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für ein solches Winterszenario zwar erhöht ist, aber keineswegs fix. Grob geschätzt liegt die Chance dafür bei etwa 30 bis 50 Prozent. Ein Polarwirbel-Split bedeutet nämlich keinen automatischen Dauerwinter - er macht extreme Ausschläge nur wahrscheinlicher.
Genauso möglich ist das Gegenstück: Der Polarwirbel stabilisiert sich, die Westströmung gewinnt die Oberhand. Dann ziehen ein Tief nach dem anderen über Mitteleuropa, es wird milder, nasser und zeitweise stürmisch.
Der Klimawandel beeinflusst den Polarwirbel indirekt durch die starke Erwärmung der Arktis. Schwindendes Meereis und wärmere Luft schwächen den Temperaturunterschied zwischen Pol und Süden. Dadurch wird der Polarwirbel instabiler und kann sich verlagern oder sogar aufspalten. Die Folge sind häufiger extreme Wetterlagen wie Kältewellen oder ungewöhnlich milde Winter in Europa und Nordamerika.
Die großen Unterschiede zwischen den beiden Extrem-Szenarien sind typisch für solche Wetterlagen. Zwischen den Vorgängen in der Stratosphäre und den Auswirkungen am Boden liegen bis zu drei Wochen. Die kommenden Tage sind nun entscheidend dafür, ob der Winter noch einmal zuschlägt - oder ob der Frühling leise anklopft.
Fakt ist: Ob Eiswinter oder milder Vorfrühling - der Polarwirbel hält Österreich weiter in Atem. Entschieden ist noch gar nichts.