Augen, Zähne, Hände – Nach zahlreichen schweren Verletzungen bei den seit Wochen anhaltenden Schülerprotesten zieht Frankreich Konsequenzen. Innenminister Laurent Nuñez kündigte am Mittwoch an, den Einsatz von Schockgranaten bei diesen Demonstrationen vorerst auszusetzen.
Man wolle zunächst klären, "was genau passiert ist", erklärte Nuñez gegenüber dem Sender RTL. Hintergrund ist unter anderem ein besonders schwerer Vorfall im nordfranzösischen Lens.
Dort wurde einem 15-jährigen Buben am Montag durch eine Schockgranate die Hand abgerissen. Videos davon schockieren das Netz. Noch ist unklar, ob der Jugendliche direkt von der Granate getroffen wurde oder sie aufgehoben hatte, um sie zurückzuwerfen.
Laut französischen Medien wurde der Einsatz der Granaten vorsorglich ausgesetzt. Die Anordnung gilt demnach zunächst nur im Zusammenhang mit den Schülerprotesten und soll bestehen bleiben, bis die Hintergründe des Vorfalls in Lens geklärt sind.
Nuñez räumte ein, dass der Fall auch innerhalb des Innenministeriums Fragen aufwerfe. Es gebe einen starken Verdacht, dass eine Schockgranate die schwere Verletzung verursacht habe. Die Ermittler müssen nun klären, wie genau es zu der Explosion kam und ob beim Einsatz alle Regeln eingehalten wurden.
Die Polizeiaufsicht ermittelt mittlerweile in 18 Fällen rund um die Proteste. Dabei geht es nicht ausschließlich um den Einsatz von Schock- oder Tränengasgranaten.
Für besonders viel Aufsehen sorgt auch der Fall eines 14-jährigen Schülers. Der Bub wurde aus kurzer Entfernung von einer Tränengasgranate getroffen, verlor einen Großteil seiner Zähne und erlitt einen Kieferbruch. Ein 16-jähriger verlor durch Gummigeschosse der Polizei ein Auge. Die Videos und Fotos der grausamen Szenen kursieren im Internet und sorgen für zusätzliche Wut bei den Protesten.
Der Polizist, der die Granate bei einem Einsatz gegen Schüler in Saint-Ouen-l'Aumône nordwestlich von Paris abgefeuert hatte, wurde wegen illegaler Gewaltanwendung angeklagt. Laut Staatsanwaltschaft waren die Voraussetzungen für Notwehr nicht erfüllt.
Menschenrechtsgruppen, Oppositionspolitiker und zahlreiche Schüler werfen der Polizei vor, bei den Protesten mit unverhältnismäßiger Härte vorzugehen.
Trotz der laufenden Ermittlungen stellte sich Nuñez grundsätzlich hinter die Sicherheitskräfte. Diese seien zunächst dafür da, Schüler und Lehrer zu schützen. Nach Darstellung des Innenministers seien zudem nicht alle verletzten Jugendlichen durch Polizisten zu Schaden gekommen. Einige Verletzungen seien durch andere Demonstranten, außenstehende Personen oder bei Unfällen entstanden.
Auch Präsident Emmanuel Macron habe laut Nuñez keinen Rückzug der Polizei verlangt. Vielmehr habe er darauf gedrängt, die öffentliche Ordnung weiterhin durchzusetzen, dabei aber mit größtmöglicher Verhältnismäßigkeit vorzugehen. Zugleich soll Macron mehr Erklärung im Zusammenhang mit den Polizeieinsätzen gefordert haben.
Bei der Granate, die nun vorerst nicht mehr verwendet wird, soll es sich um das Modell EF-SON handeln. Dieses wird erst seit 2025 von französischen Sicherheitskräften eingesetzt.
Die Granate wird mit einem speziellen Werfer abgeschossen und soll eigentlich so konstruiert sein, dass das Risiko schwerer Verletzungen reduziert wird. Der Fall in Lens wirft nun allerdings neue Fragen zur tatsächlichen Gefährlichkeit des Einsatzmittels auf.
Allein am Dienstag wurden laut französischem Innenministerium 488 Menschen festgenommen. 43 Sicherheitskräfte wurden verletzt. Seit Beginn der Proteste gab es bereits mehr als 6.500 Festnahmen. Ein Großteil der Festgenommenen ist minderjährig.
Seit Mitte September blockieren Oberstufenschüler in ganz Frankreich den Zugang zu hunderten Schulen. Sie fordern unter anderem mehr Lehrer, kleinere Klassen, kürzere Schultage und eine bessere Ausstattung.
Hinter den Protesten steckt aber auch eine grundsätzlichere Wut über Ungleichheiten im französischen Bildungssystem und fehlende Zukunftsperspektiven. Wie lange das Verbot der Schockgranaten bei den Schülerprotesten gilt, ist offen. Entscheidend dürften nun die Ermittlungen zum Fall des 15-Jährigen in Lens sein.