"Wann wird alles vorbei sein?"

Putins System stottert – große Überraschung in Russland

BBC-Korrespondent Steve Rosenberg schildert aus Moskau wachsende Kriegsmüdigkeit und Kritik an Putin – die größte Überraschung liefert aber ein Witz.
Newsdesk Heute
12.05.2026, 11:50
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Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine zeigt sich in Russland offenbar immer stärker die Erschöpfung der Bevölkerung. Das schildert zumindest der langjährige BBC-Korrespondent Steve Rosenberg direkt aus Moskau – und beschreibt dabei Szenen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.

Besonders überrascht habe ihn ausgerechnet ein Witz in der sehr putinfreundlichen Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda". Das Blatt habe ein "neues Alphabet für unsere neue Realität" präsentiert. In dem vermeintlichen Buchstabensalat versteckte sich eine Botschaft. Sie ergaben den Satz 'Verrückt! Wann wird das alles endlich vorbei sein?', schildert Rosenberg.

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Für den britischen Reporter ist klar: "'Wann wird das alles vorbei sein?' ist nur eine von vielen ähnlichen Fragen, die ich in Russland immer öfter zu so vielen Aspekten des Lebens höre.  Ein Zeichen der wachsenden Ermüdung angesichts des russischen Krieges gegen die Ukraine".

Direkt gegenüber dem Kreml beobachtete der BBC-Mann außerdem eine ungewöhnliche Protestaktion. Mehrere Dutzend Menschen stellten sich an, um eine Petition gegen die Internetzensur einzureichen. Sie protestierten gegen die immer häufigeren Abschaltungen des mobilen Internets. "Auf dem Papier ist ihr Vorgehen völlig legal", erklärt Rosenberg. Doch: "In einem zunehmend autoritären Russland ist es nicht ohne Risiko, sich öffentlich gegen die Regierungspolitik zu stellen."

"Völlig neue Situation in Russland"

Unter den Demonstranten befand sich auch Oppositionspolitiker Boris Nadeschdin. Er wollte 2024 gegen Putin kandidieren, wurde jedoch nicht zur Wahl zugelassen. Er glaubt, dass sich die Stimmung im Land verändert: "Die Menschen beginnen zu verstehen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen ihren alltäglichen Problemen wie Gesundheitsversorgung, Lebensmittelpreisen, Internet und der Politik von Wladimir Putin gibt. Das ist eine völlig neue Situation in Russland."

Der Oppositionspolitiker zog sogar historische Parallelen zum Zusammenbruch der Sowjetunion. "Viele Leute sagen zu mir: 'Was können wir tun? Wir können nichts tun!' Aber ich habe diese Situation schon einmal erlebt. In den 1980er Jahren sagten mir viele Leute, dass die Kommunistische Partei der Sowjetunion ewig Bestand haben würde. Das war nicht der Fall."

Auch russische Staatsmedien würden mittlerweile offen über Probleme sprechen. Laut Rosenberg berichten sogar mehrere Meinungsforschungsinstitute von sinkenden Zustimmungswerten für Präsident Putin.

Kritik wird immer lauter

"Von Geschäftsleuten bis hin zu Bloggern – die öffentliche Kritik an den Behörden und in einigen Fällen am Präsidenten selbst wird immer lauter", schildert Rosenberg. Gleichzeitig kursieren Berichte über Machtkämpfe innerhalb des Kremls.

Trotzdem warnt Rosenberg davor, den baldigen Zusammenbruch des Systems vorherzusagen. "Nichts davon bedeutet, dass das politische System Russlands kurz vor dem Zusammenbruch steht und Wladimir Putin von der politischen Bühne verschwindet." Der Kreml habe weiterhin "sehr dicke Mauern", und niemand außerhalb könne wissen, was wirklich dahinter vor sich geht.

"Was wir sehen können, ist: Während es die Autobahn hinunterrast, läuft das Putin-Mobil nicht mehr so reibungslos wie früher. Der Motor stottert. Einige Teile müssen vielleicht ausgetauscht werden, das Fahrzeug muss vielleicht gewartet oder repariert werden", beschreibt er.

Für Putin sei das besonders gefährlich, denn das Grundprinzip seines Systems laute: "Zeige immer Stärke. Zeige unter keinen Umständen Schwäche." Dass die große Parade am Roten Platz aus angeblichen Sicherheitsgründen zum ersten Mal in Jahrzehnten ohne Panzer und Raketen abgehalten werden musste, war für den Kreml-Kriegstreiber wie ein Schlag ins Gesicht.

"Das Glück muss irgendwo sein"

Der frühere Optimismus sei in Russland dem Galgenhumor gewichen, sagt Rosenberg. Auch dafür liefert die Witze-Seite einer Zeitung ein Beispiel in Form eines Küchen-Gesprächs eines Ehepaars: "Und was machst du?", fragt sie. "Ich suche nach Freude", antwortet er. "Was?! Im Kühlschrank? Nachts?" Seine Antwort: "Sie muss irgendwo sein."

{title && {title} } red, {title && {title} } 12.05.2026, 11:50
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