Heim in Osttirol

"Schläge vom Leiter" – wieder SOS-Kinderdorf im Visier

Nach den Enthüllungen über Gewalt in mehreren SOS-Kinderdörfern erschüttern nun auch Berichte aus Osttirol. Zwei Frauen erzählen Schreckliches.
Newsdesk Heute
03.11.2025, 15:12
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Mit dem Standort Nussdorf-Debant in Osttirol ist nun auch ein zweites Tiroler SOS-Kinderdorf von Misshandlungsvorwürfen betroffen. Zwei Frauen, die in den 1990er-Jahren dort ihre Kindheit verbrachten, schilderten gegenüber der APA Erlebnisse von physischer und sexualisierter Gewalt sowie strukturellen Übergriffen.

Eine der Betroffenen, die ab 1994 zehn Jahre im SOS-Kinderdorf lebte, berichtet, sie sei mehrfach vom damaligen Dorfleiter geschlagen worden. Auch andere Kinder seien öffentlich gezüchtigt worden, um "ein Exempel zu statuieren". Eine zweite Frau, ebenfalls in den 1990er-Jahren dort aufgewachsen, bestätigte diese Schilderungen. Der Dorfleiter habe Kinder an Haaren oder Ohren gezogen, wenn sie gegen Regeln verstoßen hätten.

Sexualisierte Gewalt durch "Hausbrüder"

Auch einzelne Kinderdorf-Mütter hätten Gewalt angewendet. Eine Betroffene schilderte, dass Kinder in ihrem Haus geschlagen worden seien, vermutlich aus Überforderung. Die Einrichtung sei von patriarchalen Strukturen geprägt gewesen.

Beide Frauen berichteten außerdem von sexualisierter Gewalt durch ältere Kinder. "Zwei sogenannte Hausbrüder haben mich über Jahre hinweg sexuell belästigt", erklärte eine Betroffene. Ihre Kinderdorf-Mutter sei informiert gewesen, Konsequenzen habe es jedoch keine gegeben.

Kritik an Jugendamt und Aufsicht

Das Jugendamt Innsbruck soll seiner Kontrollpflicht nur unzureichend nachgekommen sein. Laut der Aktenlage wurde erstmals nach sechs Jahren ein Bericht über das betroffene Kind angefordert. Eine Betroffene berichtete, sie habe sich oft gefragt, warum niemand gekommen sei, um die Zustände zu prüfen.

Der Dorfleiter soll sie außerdem gegen ihren Willen von höheren Schulen abgemeldet haben, wodurch ihr der Schulabschluss verwehrt blieb.

Reaktion von SOS-Kinderdorf Österreich

SOS-Kinderdorf Österreich zeigte sich in einer Stellungnahme "tief betroffen" und entschuldigte sich für das erlittene Leid. Man rechne mit weiteren Fällen und wolle "jeden einzelnen sorgfältig aufarbeiten". Eine Meldestelle für Betroffene sei eingerichtet worden.

Eine der Frauen wandte sich bereits an die Ombudsstelle von SOS-Kinderdorf und erhielt nach Prüfung durch die unabhängige Opferschutzkommission eine Entschädigung. Auch weitere Verfahren sollen laut den Betroffenen abgewickelt worden sein.

Die Staatsanwaltschaft Innsbruck führt derzeit Ermittlungen zu Misshandlungen im SOS-Kinderdorf Imst in acht Fällen. Zu Nussdorf-Debant liegen laut Behörde bislang keine Anzeigen vor.

Forderung nach umfassender Aufarbeitung

Die beiden Frauen betonen, es gehe ihnen nicht um Rache, sondern darum, dass niemand mehr "so allein gelassen wird". Sie hoffen, dass sich weitere ehemalige Kinderdorfkinder melden. Bisher seien über 200 Meldungen bei der Opferschutzkommission eingegangen.

Eine Betroffene fordert eine umfassende Untersuchung aller SOS-Kinderdörfer: "In unserem Kinderdorf wussten viele von den Vorfällen. Alle schauten weg."

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 03.11.2025, 16:00, 03.11.2025, 15:12
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