Missbrauchs-Vorwürfe

"Reinen Tisch" – Kommission durchleuchtet Kinderdorf

Nach den Vorwürfen gegen das SOS-Kinderdorf wurde eine Kommission eingerichtet. Vorsitzende Irmgard Griss soll klären, was genau passiert ist.
Lara Heisinger
24.10.2025, 09:59
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Am Donnerstag kamen weitere erschütternde Vorwürfe gegen das SOS-Kinderdorf ans Licht: Der mit Auszeichnungen beehrte und von vielen verehrte Gründer Hermann Gmeiner soll mindestens acht minderjährige Burschen misshandelt haben. Gmeiner ist 1986 verstorben, die Vorwürfe wurden von der Organisation selbst veröffentlicht – mehr dazu hier.

Bei vielen sitzt der Schock tief. Das SOS-Kinderdorf ist bisher eine starke Marke für Kinderschutz und Menschlichkeit. Vergangenes Jahr wurden rund 1.800 Kinder stationär betreut sowie rund 4.200 Kinder, Jugendliche und ihre Familien. 2.200 Mitarbeiter sind beschäftigt. Einrichtungen gibt es sowohl in Österreich als auch international, zudem kommt die Unterstützung in Gaza, Syrien und für Menschen aus der Ukraine hinzu.

Organisation rechnet mit Spendenrückgang

Im Jahr 2024 hatte das SOS-Kinderdorf ein Budget von 188 Millionen Euro. Rund 3/4 davon aus öffentlicher Hand, der Rest bezieht sich aus Spenden. Im Vorjahr betrugen die Spenden mehr als 46 Millionen Euro.

Christian Rudisch, Geschäftsführer der ersten von Gmeiner gegründeten Einrichtung in Imst, rechnet mit einem Rückgang der Spenden. "Wir gehen mittelfristig davon aus, dass wir einen Spendenrückgang zu verzeichnen haben. Erste belastbare Daten erwarten wir uns für Mitte November. Wir hatten vor drei Wochen gesagt, wir scheuen uns nicht davor, auch unliebsame Fragen zu stellen, und das tun wir jetzt auch, indem wir über Herbert Gmeiner reden", so Rudisch im "Ö1 Journal".

Reformkommission und Sonderbeauftragter

Die Geschäftsführung verspricht Aufklärung in Form einer Reformkommission und einem Sonderbeauftragten zur Aufarbeitung sowie eine Neuaufstellung. Wie genau diese aussieht, ob mit einer neuen Organisation oder einem neuen Namen, ist noch ungeklärt. Unklar ist auch, warum die Vorwürfe gegen Gmeiner so lange geheim gehalten wurden.

Irmgard Griss, Vorsitzende der Kommission, sieht darin keinen Beleg, dass Missbrauch in der Kindereinrichtung systematisch ist, da die Strukturen heute ganz anders sind als damals in den 60er und 70er Jahren, als die Vorfälle passiert sein sollen.

Geschäftsführung will "reinen Tisch" machen

Laut Griss tut sich eine Organisation wie das SOS-Kinderdorf schwer damit, so etwas einzugestehen, da Ruf und Ansehen entscheidend sind. Sie hat den Eindruck, dass die jetzige Geschäftsführung den Ernst der Lage erkannt hat und "reinen Tisch" machen will.

Von einem Sonderbeauftragten hatte Griss erst jetzt erfahren und werde das klären, es würde jedoch natürlich ein Abstimmungsbedarf bestehen. "Unsere Aufgabe ist zu schauen, was in der Vergangenheit passiert ist und wie die Strukturen der Organisation sind. Zudem: Wie sind wir heute beschaffen, dass solche Fälle nach menschlichem Ermessen nicht mehr vorkommen können."

Wann die Arbeit der Kommission abgeschlossen ist, lässt sich schwer sagen. Seit der Einrichtung der Kommission hat sie bereits einige Mails von Betroffenen erhalten und sie erwartet, in den nächsten zwei bis drei Monaten einen guten Überblick zu bekommen. "Ob man je sagen wird, jetzt ist es endgültig abgeschlossen, das weiß ich nicht und das glaube ich auch nicht. Den Großteil der Fälle werden wir jedoch sicher erfassen können", so Griss.

{title && {title} } LH, {title && {title} } Akt. 24.10.2025, 10:37, 24.10.2025, 09:59
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