"Es ist schlimmer als sterben" – so beschreibt Liza U. ihre aktuelle Situation. Die Ungewissheit, ein juristischer Langstreckenlauf, das psychische Auf und Ab und vor allem die enorme Sehnsucht nach ihren Kindern sowie die ständig mitschwingende Angst bringen die Wienerin an den Rand der Verzweiflung. "Ich frag’ mich manchmal, in welchem sch*** Film ich eigentlich bin", bringt sie es im Gespräch mit "Heute" auf den Punkt.
Fast ein Jahr ist es jetzt her – es war Juli 2025 – als ihr Ex-Mann Karim (Name von der Redaktion geändert) die gemeinsamen Kinder Lily (8) und Noah (6) nicht mehr aus Ägypten zurückbrachte – "Heute" berichtete. Was wie eine Liebesgeschichte aus dem Bilderbuch begann, wurde bald zum Albtraum.
Karim und Liza lernten sich in Ägypten kennen, "die Journalistin und der Revolutionär", erinnert sich die Wienerin. 2014 wurde geheiratet, 2015 zog das Paar nach Wien, wo 2017 Lily und zwei Jahre später Noah zur Welt kam. 2022 übernahm Karim eine Zahnarztpraxis, das Glück schien perfekt – bis sich Karim radikalisierte. Liza trennte sich, von einem per Gericht vereinbarten dreiwöchigen Ägypten-Aufenthalt kamen die Kinder nicht mehr zurück. Seither kämpft die Wienerin um die Kinder und ist mittlerweile mit den Nerven am Ende.
Juristisch ist die Wienerin bereits viele Wege gegangen, beschäftigte sowohl in Österreich als auch in Ägypten Anwälte. Die Scheidung ist seit September des Vorjahres rechtskräftig, die Obsorge wurde Karim entzogen, ein Haftbefehl liegt vor. "Werden die Kinder gefunden, müssen sie mir sofort übergeben werden. Aber das ist das Problem: Ich weiß nicht, wo sie sind", so die verzweifelte Mutter. Die nächste Anhörung ist für den 20. April geplant, darin geht es um ein Berufungsverfahren des Ex gegen den Sorgerechtsbeschluss. Im Mai steht die Verhandlung zur Aufhebung eines "Travel Bans" bevor.
"Das Recht ist auf meiner Seite. Aber niemand exekutiert es", fasst die 44-jährige die Problematik zusammen. Seit zehn Monaten kämpft sie unermüdlich – ein schier unfassbarer Kraftakt. "Ich weine viel, habe Angst um meine Kinder. Der Schmerz muss irgendwie raus", klagt U. Vor allem der psychische Zustand ihrer Tochter mache ihr Sorgen. "Sie hat seit der Trennung Panikattacken. Diese passieren vor allem in plötzlich neuen Situationen. Ich wollte meinen Kindern den Vater nie wegnehmen, um ihnen Stabilität zu bieten. Genau das macht mein Ex aber nun umgekehrt."
In ihrer Wohnung türmen sich mittlerweile die Geschenke. Zu jedem Anlass (Geburtstag, Ostern, Weihnachten) packt die Zweifach-Mama liebevoll Geschenke für ihre vermissten Kinder ein. "Ich bin zu Hause umgeben von ihren Sachen. Anfangs war das schwierig, aber mittlerweile gibt es mir Kraft." Denn Aufgeben kommt für die Wienerin nicht infrage. "Eine Mutter hört niemals auf, um ihre Kinder zu kämpfen. Haltet durch, Mami ist auf dem Weg zu euch", richtet sie sich in einem herzzerreißenden Appell auf Facebook an ihre Kinder.
Um für die beiden stark zu sein, versucht die Journalistin weiterhin, Routinen zu schaffen. "Ich mache Sport, arbeite etwas, versuche die Normalität zu erhalten. Und ich bete", so die gläubige Muslima. Die Ungewissheit sei das schlimmste, sagt sie. "Ich weiß nicht, wo sie sind, wie es ihnen geht und darf gar nicht zu viel darüber nachdenken. Ich zucke langsam aus."
Nachdem sie alle juristischen Wege beschritten hat, sieht die Frau keinen anderen Ausweg mehr: Werden ihr die Kinder nicht übergeben, will sie in den Hungerstreik treten und damit ein Statement setzen. "Lust habe ich darauf keine, das ist klar, aber ich sehe keinen anderen Ausweg mehr", sagt sie. Ab 21. April, einen Tag nach der geplanten Verhandlung, will sie die Nahrung verweigern. Dokumentiert wird das in den sozialen Medien, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auch ein Erklärungsvideo auf Deutsch und Arabisch ist geplant.
Die Forderung der verzweifelten Mutter: "Es muss etwas auf höherer Ebene passieren. In Ägypten sind Hierarchien sehr wichtig. Es reicht nicht, wenn sich ein Mitarbeiter der Botschaft meldet – es muss der Botschafter selbst sein. Es braucht permanenten Druck." Sie fordert direkte Gespräche mit den ägyptischen Ministern und verweist auf andere, ähnliche Fälle, in denen "die Regierung viel mehr dahinter war".
Den Tag, an dem sie ihre geliebten Kinder wieder in die Arme schließen kann, kann Liza U. kaum erwarten: "Zuerst werde ich sie ganz fest drücken und dann möchte ich die verlorene Zeit nachholen, Ausflüge machen, ihre Freunde treffen, einfach genießen." Aber bis dahin liegt noch ein Weg vor ihr.