Wo ist schon wieder der Schlüssel? Und wer hat die Kopfhörer zuletzt gesehen? Dinge zu verlegen gehört für viele Menschen zum Alltag – vom Handy bis zur Fernbedienung scheint sich alles manchmal wie von selbst in Luft aufzulösen. Während manche darüber nur schmunzeln, treibt es andere regelmäßig zur Verzweiflung. Doch warum verlieren oder verlegen wir überhaupt Dinge? Und wann ist es bloße Zerstreutheit – und wann ein Zeichen von Stress oder Überlastung? Tatsächlich hat das Vergessen oft weniger mit schlechter Organisation zu tun, als wir glauben.
Daniel L. Schacter, Psychologieprofessor an der Harvard University, sagt: Dass wir Dinge verlegen, passiert jedem. Mal häufiger, mal seltener. Entscheidend seien oft Lebensumstände, die unsere Aufmerksamkeit vom Hier und Jetzt abziehen.
Meist sei nicht das Gedächtnis selbst das Problem, sondern "eine Störung an der Schnittstelle zwischen Gedächtnis und Aufmerksamkeit", erklärt Schacter. Viele Aussetzer, durch die wir Schlüssel oder Handy suchen müssen, entstehen, weil wir beim Ablegen gedanklich ganz woanders waren.
Das Erinnern läuft im Gehirn in drei Schritten ab: Enkodierung, Speicherung und Abruf. Wird eine Information beim ersten Schritt – der Enkodierung – nicht richtig aufgenommen, weil wir unkonzentriert sind, lässt sie sich später schwer abrufen. Schacter vergleicht das mit Autofahrern, die zwar am Ziel ankommen, aber nicht mehr wissen, wie sie dorthin gelangt sind.
"Beim Enkodieren muss die Aufmerksamkeit gebündelt sein", sagt er. Es sei wichtig, beim Ablegen eines Gegenstands kurz bewusst zu registrieren, was man gerade tut.
Noch einfacher ist es, feste Routinen zu entwickeln. Schacter empfiehlt, typischen "Problemkandidaten" wie Schlüssel, Handy oder Geldbörse einen fixen Platz zu geben. Mit etwas Übung läuft das automatisch ab. Seine Lesebrille legt er stets an derselben Stelle in der Küche ab, beim Golfen wandert sein Handy immer ins gleiche Fach der Tasche. "Vielleicht nicht immer, aber in einem sehr hohen Prozentsatz der Fälle", sagt er.
Auch Gedächtnisforscher Mark McDaniel betont: Das Gehirn speichert Informationen besser, wenn sie mit mehreren Details verknüpft werden. In der Forschung nennt man das "Elaboration". Ein einfacher Trick: Sage laut, wohin du etwas legst. Dieses Verbalisieren bündelt die Aufmerksamkeit und schafft eine stärkere Gedächtnisspur. "Lautes Aussprechen verbessert die Enkodierung und erzeugt eine reichhaltigere Erinnerung".
Je mehr Details mit einer Handlung verbunden werden, desto mehr Verknüpfungen entstehen im Gehirn – und desto leichter fällt später der Abruf.
Gut zu wissen: Oft stecken behandelbare Ursachen dahinter – etwa Stress, Vitaminmangel, Depression, Schilddrüsenprobleme oder Nebenwirkungen von Medikamenten.