Früher reichte ein Thermometer unter der heißen Tasse Tee oder ein überzeugendes "Mir ist sooo schlecht". Heute wird beim Schulschwänzen kreativer getrickst: Immer mehr Schülerinnen schminken sich gezielt krank, um Eltern oder Lehrkräfte zu überzeugen. In sozialen Netzwerken kursieren sogar Tutorials, wie man in wenigen Minuten "krank" aussieht.
Schülerinnen, die keine Lust auf Unterricht haben, tupfen sich ein aufpolsterndes Lipgloss – "Lip Plumper" genannt – auf Gesicht oder Dekolleté, um einen Ausschlag vorzutäuschen. Die Technik ist verbreitet, um dem Unterricht zu entgehen, und kommt in unzähligen Videos vor. Eines der beliebtesten hat 12,3 Millionen Views.
Dermatologin Dr. Sabine Kurzidem von Skinmed Zürich erklärt: "Lip Plumper wirken, da sie etwa reizende und durchblutungsfördernde Inhaltsstoffe wie Capsaicin und Menthol enthalten". Normalerweise machen diese Stoffe die Lippen kurzfristig voller und röter. Auf der Haut wirkt das Produkt aber ähnlich wie ein Ausschlag oder Windpocken. So präpariert gehen die Jugendlichen ins Krankenzimmer oder direkt zum Lehrpersonal – und hoffen, frühzeitig nach Hause geschickt zu werden.
Unter den Kommentaren gibt’s aber auch Zweifel: "Als ich einen Ausschlag hatte, haben sie mir nur ein Kühlpack gegeben", schreibt etwa jemand. Andere machen sich Sorgen: "Meine Mutter würde mit mir zum Arzt fahren." Manche haben den Trick probiert – und es ist nach hinten losgegangen. "Ich habe das einmal ausprobiert und war tatsächlich allergisch gegen den "Lip Plumper und hatte eine echte Reaktion."
Der Trick mag verlockend sein, aber gefährlich kann er trotzdem werden. Dr. Kurzidem sagt: "Aus dermatologischer Sicht kann man Lip Plumper bei problemloser Haut schon das ein oder andere Mal anwenden." Wer aber empfindliche oder trockene Haut hat, sollte lieber die Finger davon lassen. "Die Hautbarriere kann so gestört werden, dass es zu einer Verschlechterung des Hautzustandes mit zunehmendem Brennen, einer Rötung, Trockenheit und Reizungen kommen kann." Und dann hält der Ausschlag sogar länger an, als einem lieb ist.