An zwei Tiroler Schulen ist es zu massiven Vorfällen gekommen, die viele Eltern und Lehrer fassungslos machen. Mehrere Schüler nahmen Fotos von Mitschülerinnen - teils aus sozialen Netzwerken, teils aus dem Schulalltag - und bearbeiteten diese mit einer KI-App so, dass täuschend echte Nacktbilder entstanden. Diese manipulierten Aufnahmen wurden anschließend über Messenger-Dienste und Klassenchats an andere Jugendliche weitergeschickt – berichtet die "Tiroler Tageszeitung".
Für die betroffenen Mädchen kam der Schock oft erst, als die Bilder bereits die Runde machten. Innerhalb kürzester Zeit wussten zahlreiche Mitschüler Bescheid. Auch wenn die Fotos gefälscht sind, ist der Schaden real - und für die Opfer kaum kontrollierbar.
Die Täter nutzten sogenannte Nudify-Programme. Dabei reicht ein gewöhnliches Foto, auf dem das Gesicht gut erkennbar ist. Mit wenigen Klicks entfernt die künstliche Intelligenz digital die Kleidung und erzeugt ein scheinbar echtes Nacktbild. Die technische Hürde ist gering, das Ergebnis erschreckend realistisch.
Programme wie der KI-Chatbot Grok, der zur Plattform X gehört, machten solche Manipulationen bis vor Kurzem sogar kostenlos möglich. Inzwischen wurden Hürden eingebaut, doch vergleichbare Angebote sind weiterhin online abrufbar - teilweise gegen Bezahlung.
Bildungsdirektor Paul Gappmaier bestätigt, dass der Bildungsdirektion zwei konkrete Fälle gemeldet wurden. In einem Fall wurde ein beteiligter Schüler verwarnt. Im zweiten Fall gab es ein ausführliches Gespräch mit der Rechtsabteilung. Weitere disziplinäre Schritte hängen vom jeweiligen Einzelfall ab.
Experten gehen jedoch davon aus, dass es sich nur um die Spitze des Eisbergs handelt. Viele Fälle würden gar nicht gemeldet, weil sich Betroffene aus Scham nicht an Erwachsene wenden.
Für die Schülerinnen ist die Situation extrem belastend. Obwohl die Bilder künstlich erzeugt wurden, fühlen sich viele bloßgestellt, gedemütigt und ausgeliefert. Außenstehende erkennen oft nicht, dass es sich um Fälschungen handelt. Der Ruf leidet, Gerüchte entstehen, der Druck steigt.
Wo man Hilfe findet
Rat auf Draht: Notruf für Kinder und Jugendliche – rund um die Uhr, anonym und kostenlos. Per Telefon (einfach 147 wählen) oder Chat: www.rataufdraht.at
Internet-Ombudsstelle: unterstützt beim Entfernen von intimen Aufnahmen auf Social Media und berät bei rechtlichen Fragen mit Internetbezug: www.ombudsstelle.at
Barbara Buchegger von Safer Internet warnt seit Jahren vor dieser Entwicklung. Die Qualität der KI-Bilder sei mittlerweile so hoch, dass Jugendliche echte von manipulierten Aufnahmen kaum unterscheiden könnten. Dadurch werde das Risiko von Mobbing, Erpressung und psychischer Gewalt massiv verstärkt.
Auch rechtlich ist die Lage ernst. Das Erstellen und Weiterverbreiten solcher Bilder kann einen schweren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte darstellen und strafrechtliche Folgen haben. Erst seit September ist das ungefragte Versenden von Genitalbildern ausdrücklich verboten. Nun wird gefordert, auch Deepfake-Nacktbilder klar gesetzlich zu regeln.
Die Botschaft der Experten ist deutlich: Das ist kein harmloser Schülerstreich, sondern digitale Gewalt mit weitreichenden Konsequenzen.
Wer betroffen ist, sollte rasch handeln: Beweise sichern, Screenshots machen, Links speichern und sich an eine Vertrauensperson wenden. Auch Beratungsstellen wie Rat auf Draht oder die Internet-Ombudsstelle können unterstützen. In schweren Fällen ist eine Anzeige bei der Polizei möglich und sinnvoll.