Sophie ist dreizehn Jahre alt. Während andere Kinder in der Früh ihre Schultasche packen, bleibt das Mädchen aus dem Bezirk Wiener Neustadt weiter im Bett liegen, die Vorhänge sind dauerhaft zugezogen. Seit fünf Jahren leidet sie an der chronischen Krankheit ME/CFS, seit zwei Jahren ist sie bettlägerig. Nur im Ausnahmefall ist sie für wenige Minuten mit dem Rollstuhl unterwegs. Lichtimpulse oder die kleinsten Geräusche können ihren Zustand massiv verschlechtern.
Trotzdem will Sophie lernen. Ihre Hefte sind vollgeschrieben, den Stoff hat sie daheim schon über Jahre mit Hauslehrern erarbeitet, die Leistungen hat sie immer brav erbracht. "Ihre Klasse bedeutet meiner Sophie alles, sie ist Teil ihres Lebens. Dass sie nicht am normalen Unterricht teilnehmen kann, schmerzt sie massiv", erzählt ihre Mutter, Sabine M., im "Heute"-Gespräch.
"Meiner Tochter fehlt jegliche Zugehörigkeit, aber trotzdem spricht sie immer von 'meiner Klasse'. Sie will unbedingt gemeinsam mit ihren Schulfreunden im Juni das Schuljahr abschließen. Ob das gelingt, ist aber ungewiss. Die Situation ist sehr traurig", beschreibt Sabine M. weiter.
Nun stehen der Schülerin Feststellungsprüfungen bevor. Sophie darf diese mittlerweile digital ablegen, zuerst war eine Prüfung im Schulgebäude angekündigt gewesen. "Meine Tochter bekommt durch die Nervenreize aber Krämpfe, wenn sie im Auto mitfährt. Sie wird dann mehrfach bewusstlos und verfällt regelrecht in Trance. Danach kann sie ja keine Prüfung schreiben!", beschreibt Sabine M.
Doch auch das Entgegenkommen der Bildungsdirektion mit den digitalen Online-Prüfungen ist für die Familie nicht fair. Sophie leidet unter extremer Belastungsintoleranz, Lichtreize durch einen Bildschirm hält sie nicht so einfach aus. Dennoch soll sie vier Ganzjahres-Prüfungen in Nebenfächern binnen sechs Tagen schreiben. Für die Hauptfächer stehen dafür noch gar keine Termine fest.
"Das Schuljahr endet in drei Wochen", ärgert sich Sabine M. Seit März habe sie klar kommuniziert, wie wichtig es für Sophie wäre, das Schuljahr wie ihre Mitschüler im Juni zu beenden. Sollte alles bis in den Herbst offen bleiben, könne ihre Tochter die Sommermonate nicht zur dringend nötigen Regeneration nützen.
"Meinem Kind wird nicht nur Bildung, sondern auch das letzte Stückchen Teilhabe, Zugehörigkeit und jegliche Zukunftsperspektive sowie Vertrauen ins System genommen", sagt die Mutter.
Die Bildungsdirektion für NÖ erklärt auf "Heute"-Anfrage, man verkenne die schwierige gesundheitliche Lage der Schülerin keinesfalls. "Aus diesem Grund haben die Expertinnen und Experten der Bildungsdirektion für NÖ auch alles daran gesetzt, um eine Lösung zu finden, die auch den rechtlichen Rahmenbedingungen entspricht. Ziel ist es, die Beendigung der aktuellen Schulstufe sowie den nahenden Pflichtschulabschluss nach den bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten für die Schülerin zu gewährleisten."
Schule und Außenstelle stehen in laufendem Kontakt mit der Familie und besprechen laufend alle weiteren Schritte, heißt es von der Bildungsdirektion.
Auch Bildungssprecher Helmut Fiedler (FPÖ Niederösterreich) äußert sich zu Sophies schweren Situation. Besonders bitter sei laut ihm, dass es sich um ein leistungswilliges Kind handelt, das im Rahmen seiner Möglichkeiten jahrelang mitgearbeitet und sogar Schularbeiten geschrieben habe. "Wenn ein krankes Kind wegen Bürokratie nicht in die nächste Schulstufe aufsteigen kann, dann versagt nicht das Kind, sondern das System", so Fiedler.
Und weiter: "Ein schwerkrankes Kind darf nicht Opfer von Zuständigkeitsdenken, Angst vor Verantwortung und kalter Bürokratie werden. Es braucht die Chance, die vierte Klasse Mittelschule zu erreichen. Ihr Leben ist schwer genug, der Staat darf es nicht noch schwerer machen", betont Fiedler.
Bis Sophie bei den Prüfungen in Mathematik und Deutsch antreten darf, bleibt sie weiter in ihrem Kinderzimmer und lernt fleißig weiter – mit der beständigen Hoffnung, den Sommer mit ihren Schulfreunden und ihrer Regeneration verbringen zu können.