Salzkammergut

Singvögel im Käfig – Foto-Offensive gegen alten Brauch

Im Salzkammergut beginnt die Fangsaison. Tierschützer wollen den umstrittenen Brauch mit einer Foto-Aktion ersetzen.
Heute Tierisch
09.09.2026, 21:34
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Wenn im Salzkammergut ab 15. September wieder die Netze gespannt werden, beginnt ein Streit, der seit Jahren die Gemüter erhitzt: der traditionelle Singvogelfang. Rund 500 Menschen dürfen sich an der umstrittenen Praxis beteiligen. Gefangene Vögel werden gehalten, ausgestellt und später teilweise wieder freigelassen.

Der Österreichische Tierschutzverein will nun einen anderen Weg einschlagen: "Kamera statt Käfig" lautet der Titel einer neuen Foto-Aktion. Statt Vögel einzufangen, sollen Naturfreunde sie fotografieren.

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Netz gegen Kamera

Stieglitz, Gimpel, Erlenzeisig oder Fichtenkreuzschnabel sollen künftig lieber vor der Linse landen als im Käfig. Mit Smartphone oder Kamera kann jeder teilnehmen – die Qualität des Fotos sei dabei zweitrangig.

"Tradition ist nicht starr, sondern entwickelt sich mit der Gesellschaft weiter", sagt Sarah Tanner, Kampagnen-Managerin des Österreichischen Tierschutzvereins. Die Botschaft der Tierschützer ist klar: Die Begeisterung für die heimische Vogelwelt soll bleiben – der Fang soll verschwinden.

Ausnahme gilt weitere sechs Jahre

Dabei ist der Singvogelfang keineswegs verboten. Die oberösterreichische Landesregierung hat die entsprechende Ausnahmeregelung im Juni 2026 für weitere sechs Jahre bestätigt.

Begründet wird die Sonderregelung mit der Bedeutung des Brauchs für die regionale Identität und seinem Status als immaterielles Kulturerbe. Der "Salzkammergut Vogelfang" ist seit 2010 im Nationalen Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich eingetragen. Doch genau dieser Status sorgt inzwischen für zusätzlichen Zündstoff.

UNESCO prüft umstrittenen Brauch

Der Eintrag steht derzeit unter Monitoring der österreichischen UNESCO-Kommission. Auslöser war unter anderem ein offener Brief des Österreichischen Tierschutzvereins im Herbst 2025.

Die UNESCO betont zugleich, dass immaterielles Kulturerbe ein lebendiges Erbe sei. Veränderte gesellschaftliche Wertvorstellungen könnten daher auch zu Veränderungen oder sogar zum Verzicht auf einzelne Elemente eines Brauchs führen. Der zuständige Fachbeirat soll sich noch im Herbst erneut mit dem Singvogelfang beschäftigen.

Tausende Vögel betroffen

Nach Angaben des Tierschutzvereins sind die Dimensionen beträchtlich. Die oberösterreichische Artenschutzverordnung begrenzt den Fang auf bis zu 550 Vögel je Art und Saison bei vier Arten – insgesamt also 2.200 Tiere. Für Lockvögel gelten allerdings eigene Regelungen.

Auf Basis der Bewilligungspraxis errechnet der Tierschutzverein daher eine mögliche Gesamtzahl von bis zu 7.000 gefangenen Vögeln. Die im Herbst gefangenen Tiere dürfen grundsätzlich bis 10. April gehalten werden. Für bestimmte bewilligte Lockvögel gelten darüber hinausgehende Regelungen.

"Nicht mehr nötig, Wildvögel einzusperren"

Auch BirdLife Österreich unterstützt die Foto-Aktion. "Die Freude an Vögeln verbindet Menschen, ist gesund und schafft Bewusstsein für den Wert unserer Natur", sagt Naturschutzexperte Johannes Hohenegger. Dafür sei es heute aber nicht mehr notwendig, Wildvögel monatelang einzusperren.

Der Tierschutzverein und BirdLife sehen im Singvogelfang zudem einen Konflikt mit EU-Vogelschutzrecht und österreichischen Tierschutzbestimmungen. Die Behörden halten dagegen an der regionalen Ausnahme fest. Damit prallen zwei Vorstellungen von Tradition aufeinander: bewahren, was über Generationen weitergegeben wurde – oder einen Brauch verändern, wenn sich gesellschaftliche Werte wandeln.

Kamera läuft bis Ende November

Die Aktion "Kamera statt Käfig" läuft vom 15. September bis 30. November. Ob Spatz, Rotkehlchen, Meise oder einer der traditionellen "Fangvögel" vor die Linse kommt, spielt keine Rolle. Das Prinzip ist denkbar einfach: beobachten statt fangen, fotografieren statt einsperren.

Für den Österreichischen Tierschutzverein ist das mehr als eine Foto-Challenge. Es ist der Versuch, eine jahrhundertealte Tradition neu zu erzählen – mit dem Vogel in freier Natur statt hinter Gitterstäben.

red,09.09.2026, 21:34
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